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Montag, 3. Oktober 2011

Einheitsbrei, fade Suppen, liturgischer Schrott


Gemeinsame Darstellungen der drei Erzengel sind eigentlich ungewöhnlich. Ein gemeinsamer Spaziergang der Erzengel Michael, Raphael und Gabriele (von links) mit Tobias (zweiter von rechts) ist jedenfalls biblisch nicht überliefert. Nur Raphael allein ist der Begleiter Tobias im Buch Tobit. 

Das hat nun die Liturgiereformer nicht daran gehindert, die drei Erzengelfeste Gabriels (24. März), Michaels (29. September) und Raphaels (24. Oktober) zu einem Fest zusammenzufassen.

Eine grundstürzende Reform, denn das Fest des Erzengels Michael wird spätestens seit dem fünften Jahrhundert als Fest "In Dedicatione S. Michaelis Archangeli", also zum Gedenken an die Weihe der dem Erzengel Michael gestifteten Kirche begangenen. Das Fest geht damit in die Zeit des Papstes Leo der Große zurück.

Welche Motive die Liturgiereformer dabei bewogen haben, die drei Feste zusammenzuwerfen, sind mir nicht bekannt. Die Folgen sind jedenfalls jedes Jahr zu beobachten. Liturgisch blieb alles beim "Alten", so daß nach wie vor etwa das Graduale des Tages lediglich den Erzengel Michael erwähnt. Auch das seit dem 17. Jahrhundert bekannte und an diesem Tag übliche Prozessionslied "O unüberwindlicher Held" (heute: unüberwindlich starker Held) von Friedrich Spee erwähnt nur den einen, den Erzengel Michael, womit faktisch Raphael und Gabriel liturgisch und hymnisch "entfallen". Damit wird liturgischer Schrott produziert, Raphael und Gabriel werden höchst unelegant "entsorgt". 

Das Michaelslied hat eine interessante Geschichte. Es ist gewissermaßen das erste "Lied der Deutschen". Wer sich Gedanken darüber macht, wo wohl der Begriff des "Deutschen Michel" herkommt, sollte sich mit dem seit 1642 bekannten lateinischen Text befassen. Solche Nuancen gehen heute im liturgischen Einheitsbrei verloren. Lateinisch singt man ohnehin kaum noch.

Daß Spee nicht nur das Michaelslied, sondern auch ein Lied für den Erzengel Raphael gedichtet hat, ist seit der Liturgiereform und der Vereinheitlichung der katholischen deutschen Gesangbücher durch das  "Gotteslob" in Vergessenheit geraten. Was wohl noch so im Einheitsbrei versunken ist? Ich bleib da mal dran.

Donnerstag, 8. September 2011

8. September: Mariä Geburt


Der 8. September vermittelt stets einen Hauch Melancholie, denn der 8.9. wird von alters her als meteorologischer Herbstbeginn angesehen. "Zu Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt". Zum Glück wohnen wir in fußläufiger Entfernung zu einem Marienwallfahrtsort, dessen Patrozinium jedes Jahr am 8. September gefeiert wird. Mit allem, was dazu gehört, Fußwallfahrt, Pontifikalamt und Eucharistischer 24StundenrundumdieUhr-Anbetung. Die Kirche selbst ist in Teilen wohl mehr als tausend Jahre alt, das Gnadenbild stammt aus dem 15. Jahrhundert und die Ausstattung stammt aus Renaissance und Barock. Die Kirche besitzt zwei wunderschöne barocke Altäre, den Hauptaltar und einen aus Sandstein gearbeiteten Außenaltar, vor dem bei großen Wahlfahrten und Prozessionen die Gottesdienste stattfinden.

Volxaltäre gibt es leider auch hier, und je häufiger ich an der großen Prozession und dem vorausgehenden Amt teilnehmen, desto mehr stört es mich, daß der Zelebrant (heute war es ein Abt) mit dem Rücken zum Gekreuzigten zelebriert. Zumal der Volxaltar des Außenaltars zur frugalen Sorte im Baumarktstil gehört.

Zu einer Prozession gehören gaaaaanz lange Prozessionslieder und hierorts ist das einerseits das Lourdes-Lied, für das es mindest eine Zillion Strophen gibt und das traditionelle "Maria wir dich grüßen". Heißt in der nachkonziliaren Määnzer Version "Krone aller Frauen" und stammt textlich aus den 70iger Jahren dieses Jahrhunderts. Nicht mehr gaanz lang, dafür gaaanz fade. Die alte Version find ich da knackiger:
  1. Maria, wir Dich grüßen, O Maria, hilf! Und fallen Dir zu Füßen, O Maria, hilf! Maria, hilf uns all' in diesem Jammertal 
  2. Voll Zuversicht wir bitten, Durch das, was Du gelitten. 
  3. Durch Jesu Kreuz und Sterben, Wollst Gnade uns erwerben. 
  4. Dass wir Verzeihung finden, Für uns're vielen Sünden. 
  5. Dass wir vor Gott bestehen, Den Weg der Tugend gehen. 
  6. Neid, Zwietracht, Schmach und Schande Halt' ab von jedem Stande. 
  7. In Trübsal, Angst und Leiden, Gib Trost und Seelenfreuden! 
  8. Sieh an die Not der Armen, Weck' Mitleid und Erbarmen.
  9. In Krankheit und Beschwerden, Lass Heil und Hilfe werden. 
  10. Den Witwen und den Waisen, Auf Pilgerfahrt und Reisen. 
  11. Vor Mord und Kriegsgefahren, Wollst Volk und Fürst bewahren. 
  12. Die Strafen von uns wende, Den lieben Frieden sende. 
  13. Vor Teurung, Pest und Brande, Gib Schutz dem Vaterlande. 
  14. Bitt', dass die Frucht der Erde, Gesegnet reichlich werde. 
  15. Den wahren Glauben mehre, Tilg' aus die falsche Lehre. 
  16. Bitt', dass auch bald hier werde Ein Hirt und eine Herde! 
  17. Bitt' Gott für unsere Freunde, Bitt' Gott für unsere Feinde.
  18. Im Leben und im Sterben, Wollst Gnade uns erwerben. 
  19. Auf dass wir all' dort oben, Mit Dir Gott ewig loben.

Strophe 13. ist ja hochaktuell, und nachdem ich mir ökumenemäßig korrekt am Samstag ein Bittlinger-Konzert reinziehen mußte, gefällt mir vor allem Strophe 15. ausnehmend gut.

Eine Audio- wie auch eine pdf-Datei des Liedes gibt es in der "Cäcilia".

Dienstag, 12. Juli 2011

Ecclesia sedens



"Die Regisseure des Gesprächsforums hatten die Teilnehmer an 39 runden Tischen mit je acht Stühlen platziert" So schreibt die "Welt" am Montag.

Ganz abgesehen davon, daß ich stets die Krise kriege, wenn ich Schlechtschreib wie "platziert" lese, die Ergebnisse des Dialogprozesses bestätigen die These daß nicht nur die Form der Funktion, sondern auch die Funktion der Form folgt. Bei Elsa läßt sich nachlesen, was aus diesen 39 Stuhlkreisen an Inhaltlichem hervorgebracht wurde - 37 Thesen. Es sind, wenn man vom üblichen nichtssagenden Theospeak absieht, die üblichen Forderungen der sogenannten Reformbewegung. Diese 37 Thesen, das ist wirklich alles, was die Elite des deutschen Gremienkatholizismus zu Stande bringen kann.

Sind das unsere 300 Besten? Die unter Millionen deutscher Katholiken erlesene Elite des deutschen Katholizismus? Wenn es so ist, dann wird es Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wer in unserer deutschen Abteilung der Weltkirche was aus welchem Grunde "wird". Wie sich Zentralkommitees rekrutieren habe ich als studierter Jurist in mühseliger Kleinarbeit rekonstruiert. Die Satzungen sagen mir, daß es der wird, der denen dies schon sind, jedenfalls nicht in die Suppe spucken wird. Alles weitere besorgt der Zeitgeist, der jeglicher Demokratur ja schließlich wesensgemäß ist. Da versammeln sich demnach nicht die Katholischen, sondern die vom antirömischen Affekt seit jeher Infizierten.

Es besteht also kein Anlaß, sich zu wundern. Vielmehr besteht Anlaß, eine Marschkapelle zu gründen. Diese sollte bei der nächsten Versammlung mit Pauken, Trommeln und Trompeten den Versammlungssaal umrunden und ad infinitum folgendes, von den Verirrungen der 70iger Jahre bereinigtes Marschlied  aufspielen (Vielen Dank für den Text und die Idee, Superpelliceum):

Ein Haus voll Glorie schauet
weit über alle Land,
aus ew'gem Stein erbauet
von Gottes Meisterhand.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Gar herrlich ist's bekränzet
mit starker Türme Wehr,
und oben hoch erglänzet
des Kreuzes Zeichen hehr.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Wohl tobet um die Mauern
der Sturm in wilder Wut;
das Haus wird's überdauern,
auf festem Grund es ruht.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Ob auch der Feind ihm dräue,
Ansturm der Hölle Macht:
Des Heilands Lieb und Treue
auf seinen Zinnen wacht.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Dem Sohne steht zu Seite
die reinste der Jungfraun;
um sie drängt sich zum Streite
die Kriegsschar voll Vertraun.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Viel tausend schon vergossen
mit heil'ger Lust ihr Blut;
die Reihn stehn fest geschlossen
in hohem Glaubensmut.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Auf eilen liebentzündet
auch wir zum heil'gen Streit;
der Herr, der's Haus gegründet,
uns ew'gen Sieg verleiht.

Gott! Wir loben dich.
Gott! Wir preisen dich.
O laß im Hause dein
uns all geborgen sein!

Aktion Jericho. Wird Zeit, daß wir der Ecclesia sedens den Marsch blasen. Ich spiele wahlweise Kesselpauke oder Snaredrum.

Die Kapelle braucht ein bißchen, bis sie endlich loslegt, also Geduld. Die Kapelle steht in der Tradtion des Husarenregiments Alexander II. von Rußland (Erstes Westfälisches, was auch die Musikauswahl erklärt). Der Text bestätigt, daß es Zeit wird, das Gotteslob endlich einzustampfen. Das, nachdem es in den letzten Jahren im Sinne der inclusive language gendermäßig durchgearbeitet worden ist, sowieso in GöttInnenlob umbenannt werden sollte.
Der katholischen Tradition zufolge und seit dem Konzil von Florenz 1439 kennen wir die Ecclesia militans, die Ecclesia triumphans und die Ecclesia penitens. Mit der Ecclesia sedens haben wir also nichts zu tun.

Freitag, 31. Dezember 2010

Mit neuen Augen



Mählich beginne ich, mich an meine neuen Augen zu gewöhnen. Die Welt ist jedenfalls bunter und klarer geworden. Euch alles Liebe und Gute fuer (schwedische Tastatur enthält keinen Umlaut ue) das neue Jahr.

Dietrich Bonhoefers "Von guten Mächten" ist jedenfalls das einzige, wenigstens das schönste Neujahrslied, das sich in christlichen Gesangbuechern findet.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben,
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Ref:
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das Du uns beweitet hast.

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.

Lass warm und still die Kerze heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Ambrosius, Luther, Bach, 7. Türchen



Ambrosius wird heute mit einem großen G geehrt, einem gebotenen Gedenktag. Ist ja auch das mindeste für den Urvater des ambrosianischen Gesanges. Und da bietet es sich doch an, als 7. Türchen Luthers Übersetzung des ambrosianischen Veni redemptor gentium und eine von Bachs zahlreichen Vertonungen - alle höchst bekannt - einzustellen. Wie "brav" Luther bei seinen Übersetzungen so im Großen und Ganzen dann doch war, läßt sich hier nachlesen.

Montag, 6. Dezember 2010

6. Türchen: Congaudentes Exsultemus


Schon komisch, dieser römische Generalkalender. Am 4. Dez. keine Heilige Barbara und am 6. Dezember "bloß" ein nicht gebotener Gedenktag. Bis zur Kalenderreform war der 6. Dezember immerhin noch ein Fest 3. Klasse, also ein gebotener Gedenktag. Aber St. Nikolaus hatte ja schon anläßlich der tridentinischen Reform Federn lassen müssen, so wurde in der Liturgie des 6. Dezembers die Sequenz gestrichen, die das Fest als besonders bedeutend kennzeichnete. Text und Melodie sind hier zu finden.

Bild: das ganz besonders wunderschöne Ciborium der Kathedrale St. Nikolaus in Bari.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Maria und der Dornwald


Made in Germany ist nicht nur ein Synonym für gute Autos, sondern auch für gute Musik. So singen auch Chöre in Übersee - wie hier die amerikanischen Christopher Wren Singers - in diesem Fall ziemlich akzentfrei ein deutsches Adventslied.

Angeblich läßt sich die Tradition des Liedes bis auf das 16. Jahrhundert zurückführen. Es existieren dafür allerdings keine Belege und so geht man davon aus, daß das Lied wohl erst einige Zeit vor dem Jahr 1850 entstanden ist, als Wallfahrtslied. Es gilt als Weihnachtslied, ist aber wegen seiner Thematik wohl eher ein marianisches Adventslied.

Populär wurde es insbesondere durch den Abdruck in der Liedersammlung des Wandervogel-Bewegung, dem Zupfgeigenhansel. Die erste Auflage erschien in einem - bißchen Lokalpatriotismus muß sein - Darmstädter Verlag.

5. Türchen

Samstag, 4. Dezember 2010

Nun komm ...



Nur ein ganz kleines Stück. Und wieder "Nun komm der Heiden Heiland"

Das 4. Türchen

Freitag, 3. Dezember 2010

Nummer Eins



Zwei Bücher habe ich durch all die Jahre mit mir herumgeschleppt. Sie haben das Chaos meines Jugendzimmers überlebt, das Chaos meiner Pubertät, wie auch das Chaos meines Pubertärmarxismus, selbst die reichistische Phase. Eine Hausbesetzung, eine Häuserräumung, eine Straßenschlacht, ein Dutzend Umzüge, Katzen, Hunde und Kinder. Sie sehen etwas mitgenommen aus, die Bibel, meine Konfirmandenbibel, selbstverständlich eine luthersche, ist ein fragiler Haufen alten Papiers, den man ganz vorsichtig in die Hand nehmen sollte. Bei meinem Evangelischen Kirchengesangbuch anno 1959 ist der Einband etwas kaputt, aber das solide Bibeldruckpapier, auf dem es gedruckt ist, wird wohl noch ein Jahrhundert halten. Auch sonst ist es solid, steigt der Christus da doch nicht hinab "in das Reich der Toten" sondern "fährt nieder zur Hölle", und stehen da auch nicht die Toten auf, vielmehr erfolgt hier noch römisch-katholisch korrekt die "Auferstehung des Fleisches".

Die Nummer eins in diesem Gesangbuch ist Luthers Übersetzung des ambrosianischen Veni Redemptor gentium. Nun komm der Heiden Heiland. Auch dieses Lied hatte ein wenig gelitten. Es fehlten die marianischen Verse 2 und 3. Und heute ist das Lied im neuen EG nur noch die Nummer vier. Stattdessen beginnt es nun mit "Macht hoch die Tür". Auch ein schönes Lied, hörte man es nicht in jedem Supermarkt als "vorweihnachtliche" Hintergrundmusik zur Verkaufsförderung für billige Weihnachtsplätzchen und Coca-Cola-Weihnachtsmänner. Und daß Müntzers Übersetzung des Conditor Alme Siderum auf Platz Drei vorgerückt ist, hätt´ den Luther sicher tierisch geärgert. Mich ärgerts auch, kann ich diesen DDR-Heiligen Müntzer doch mittlerweile überhaupt nicht mehr leiden.

Tonal versus modal, Kirchenton gegen Kaufrauschmusik, das konnte auch musikalisch nur für den Sound des 18. statt des 16. Jahrhunderts ausgehen. Bei mir ist er (der Hymnus) immer noch die Nummer eins. Hatte da einen kleinen Disput mit unserem Scholaleiter, der die katholische Variante des "Veni" im Gotteslob besser findet als Luthers unvergleichliche Kontrafaktur. Ich find sie blöd (die neukatholische Version), vor allem wegen ihrer sprachlichen Archaismen, "Darob" klingt im 20. Jahrhundert eben einfach nur albern. Und sich mit dem begnadedsten Wortmetz der Renaissance zu messen, sollte man besser erst gar nicht versuchen.

Adventskalenderfenster Nr. 3. Sopransaxophon mit Gregorianik zu mischen ist ein ziemliches mutiges Experiment. Klingt aber nicht schlecht. ("nicht schlecht" ist der norddeutsche Superlativ, und bedeutet ins Landrattische übersetzt soviel wie "himmlisch", "wundervoll", "einzigartig" und was dergleichen südeuropäische UnterdemWeißwurstäquatortypische Exaltiertheiten noch mehr sind)

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Ne irascaris - Vertreibung aus dem Jammertal



Das Rorate coeli (Hymnus) in einer Fassung der Blackfriars von Oxford.

Es dauert schon ziemlich lange, bis man die goldenen Schätze der katholischen Liturgie und Musik entdeckt. Sie werden nicht gerade auf dem Präsentierteller dargeboten. Dieser Wechselgesang findet sich weder in Gotteslob noch im GT noch in irgendeinem offiziellen liturgischen Buch. Die Textfassung und Melodiefassung fand sich zuletzt im liber usualis von 1964. Daß dieses Lied, das von Sünde und Schuld, Elend und Verzweiflung - und Erlösung -  handelt, so versteckt wird, hat, vermute ich,  diesselben Gründe und Motive, die dazu führten, daß in unserem Gotteslob - das ich für das schlechteste Gesangbuch der Welt halte - das Wort "Jammertal" gegen die authentische Textgestalt entsprechender Hymnen ausgemerzt und durch "Erdental" ersetzt wurde.

(Weiß eigentlich jemand, wer dafür verantwortlich ist und seit wann die Erdentalisierung stattfand?)

Was die Gründe für die Tilgung des Wortes "Jammertal" angeht, habe ich vor kurzem eine frappierend schlüssige Erklärung in einem nunmehr mehr als 150 Jahre alten Text gefunden:
Der modernen Irrtümer sind unzählige; doch sie alle, schaut man genauer hin, haben ihren Ursprung und finden ihren Tod in zwei obersten Negationen; eine von ihnen bezieht sich auf Gott, die andere bezieht sich auf den Menschen. Die Gesellschaft leugnet von Gott, daß Er sich um seine Geschöpfe kümmert, und vom Menschen, daß er empfangen wurde in Sünde. Sein Stolz flüsterte dem Menschen unserer Tage zwei Dinge ein, die er beide geglaubt hat: daß er ohne Makel und Flecken sei und daß er Gott nicht nötig habe; daß er stark sei und daß er schön sei. deshalb sehen wir ihn dünkelhaft aufgeblasen ob seiner Stärke und Macht und verliebt in seine Schönheit.
Leugnet man die Sünde, so leugnet man, neben vielem anderen, die folgenden Dinge: daß das irdische Leben ein Leben der Buße ist und daß die Welt, in der sich dieses Leben abspielt, ein Tal der Tränen sein muß; daß das Licht der Vernunft matt ist und unsicher flackert; daß der Wille des Menschen schwach und versehrt ist; daß die Lust uns gegeben ward als Versuchung, damit wir uns befreien von ihrer Anziehungskraft; daß der Schmerz etwas Gutes ist, und wenn er aus einem übernatürlichen Beweggrund in freiwilliger Hinnahme angenommen wird; daß die Zeit uns gegeben ward zu unserer Heiligung; daß der Mensch der Heiligung bedarf." (Juan Donoso Cortés, Marquis von Valegamas, Brief an Kardinal Fornari vom 19. Juni 1852)
Dank Wikipedia findet sich der Text des Hymnus vollständig im internet mit Übersetzung.


KV: Tauet Himmel, von oben,
ihr Wolken, regnet den Gerechten.

Zürne nicht länger, Herr,
nicht länger gedenke unserer Missetaten.
Siehe, die Heilige Stadt ist zur Wüste geworden,
Sion ist zur Wüste geworden.
Jerusalem ist verödet,
das Haus Deiner Heiligung und Deiner Herrlichkeit,
wo Dich gepriesen haben unsere Väter. Kv.

Wir haben gesündigt und sind unrein geworden
und sind gefallen wie ein Blatt,
und unsere Missetaten haben uns wie der Wind fortgetragen.
Du hast Dein Antlitz verborgen vor uns
und uns zerschmettert durch die Wucht unserer Schuld. Kv.

Sieh an, Herr, die Betrübnis Deines Volkes,
und sende, den Du senden willst.
Sende aus das Lamm, den Beherrscher der Erde,
vom Felsen der Wüste zum Berg der Tochter Zion,
dass es hinwegnehme das Joch unserer Knechtschaft. Kv.

Ihr werdet getröstet, ihr werdet getröstet, mein Volk!
Bald wird kommen Dein Heil.
Warum verzehrst Du Dich in Trauer,
weil sich erneuert hat dein Schmerz?
Ich werde Dich retten, fürchte Dich nicht.
Denn ich bin der Herr, Dein Gott,
der Heilige Israels, Dein Erlöser. Kv.

Die Übersetzung zeigt es: eindeutig zuviel "lacrimarum vallae".

Es wird wohl noch einen anderen Grund haben, warum seit dem Liber Usualis, das zuletzt 1964 herauskam, dieses Lied, wie andere, nicht mehr in Liederbüchern auftaucht. Die Identifikation der Kirche mit dem Volk Israel ist unsagbar und unsingbar geworden, seit man den "eigenen Heilsweg" des Volkes Israel entdeckt haben will. Wir sind also schon lange keine "spirituellen Semiten" (Pius XI) mehr.

Das liber usualis ist hier herunterzuladen (Vorsicht 115 MB!)

Sonntag, 23. Mai 2010

Veni Sancte Spiritus



Ich finde die Pfingstsequenz in diesem Beispiel etwas zu hektisch gesungen, aber es ist die einzige gemischte Schola, die ich gefunden habe. Gemischte Scholen, allerdings gemischt aus Knaben- und Männerstimmen, waren in der Hochphase der Gregorianik durchaus üblich, und daß auch die Sequenzen antiphonal gesungen werden, ist leider ein bißchen in Vergessenheit geraten.

An der Übersetzung der Sequenz haben sich so manche größere und kleinere Dichter versucht, die Übersetzung, die sich im Gotteslob findet, ist - nun ja - typisch thurmaierisch, sie hat wie meist ein penetrantes protestantisches Geschmäckle. Daß die Zeile "da virtutis meritum" nicht wörtlich übersetzt werden durfte, sollte jedem klar sein, den der Geist des postkonziliaren Ökumenismus schon mal umweht hat. Bei Th. wird da völlig frei mit "Laß es (das Volk) in der Zeit bestehn" übersetzt,  Bone (1847) übersetzte noch mit "spende uns der Tugend Lohn".

Die "ökumenischen Texte" des GL finde ich meistens besonders apart, wie in diesem Fall Markus Jenny: "Komm allgewaltig heiliger Hauch, der alle Kreatur belebt". Da denkt man doch eher an die belebende Frische von Coca-Cola, und eher nicht an den Creator Spiritus.

Johannes Schefflers (besser bekannt unter seinem Pseudonym Angelus Silesius) Übersetzung hat leider keinen Eingang in eines der gängigen Gesangbücher gefunden.

Komm, o heilger Geist, o komm,
Wirf deins Lichtes Strahln herum
In meins finstern Herzens Schrein.
Komm, der Armen Aufenthalt,
Komm, du reicher Geber, bald,
Komm, o lieber Glanz, herein.
Komm, o heilger Geist, o komm.

Bester Tröster, liebster Gast,
Meines Geistes Ruh und Rast,
Süß Erquickung, sei nicht weit.
In der Arbeit meine Ruh,
In der Hitz mein Trunk bist du,
In Betrübnis meine Freud.
Komm, o heilger Geist, o komm.

O du selges Seelenlicht,
Laß das Herz, das dir verpflicht,
Deine reiche Güte spürn.
Denn ohn deinen Glanz und Schein
Kann in uns nichts fruchtbar sein,
Nichts sich regen und berührn.
Komm, o heilger Geist, o komm.

Mache rein alls, was befleckt,
Grünend, was verstocket steckt.
Heile, was verletzt und wund,
Beuge, was verstarrt und alt,
[339] Pflege, was erfrorn und kalt,
Leite, was nicht fort gekonnt.
Komm, o heilger Geist, o komm.

Gib uns, die wir dir sind treu
Und auf dich vertrauen frei,
Deiner sieben Gnaden Flut.
Gib der Tugend schönsten Lohn,
Gib des selgen Ausgangs Kron,
Ewge Freud und ewges Gut.
Komm, o heilger Geist, o komm.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Hostem Repelle Longius



Nie war sie so nötig wie heute. Die Pfingstnovene. Sie beginnt HEUTE.

Zur Erholung von den gar schröcklichen Machwerken des modernen Sacropop. Die Singweise unterscheidet sich signifikant von der üblichen des Graduale Romanum. Ich könnte mich dran gewöhnen (Ihr Schola-Sänger usw. da draußen, was denkt ihr?).

Donnerstag, 25. März 2010

Ave Maria, gratia plena


Die Vertonungen des Ave Maria sind sonder Zahl. Schon gar nicht einfach, eine besonders schöne für heute auszuwählen. Da ich Männerchöre mag, vor allem a capella, heute mal diese.

Dienstag, 2. Februar 2010

Nunc dimittis II


  Geht auch in modern. Also wenn sowas ein NGL ist, ein neues geistliches Lied, könnt ich mich fast daran gewöhnen.
Zum Mithören:
Nunc dimittis servum tuum domine.
secundum verbum tuum in pace.
Quia viderunt oculi mei
salutare tuum
quod parasti
ante faciem omnium populorum
lumen ad revelationem gentium
et plebis tuae Israel
Gloria patri et filio
et spiritui sancto
Sicut erat in principio et nunc et semper
et in saecula saeculorum amen.

Nunc dimittis


Ich dachte mir, daß es doch sehr schön wäre, heute am Tag der Darstellung des Herren, das Canticum des Simeon zu hören. Nunc dimittis servum tuum domine, secundum verbum tuum in pace.
Dargeboten in einer Version von Palestrina, in der Basilica Santa Maria Maggiore in Rom - Palestrinas Wirkungsstätte. Nur das blöde Geklatsche am Schluß nervt etwas.

Sonntag, 3. Januar 2010

Puer natus in Betlehem alleluia


   Ein bißchen früher als gewöhnlich beginnt bei uns das Dreikönigsfest, schließlich müssen die Sternsinger ihren langen Marsch durch unsere ländliche Gemeinde in angemessener Zeit hinkriegen. Außerdem geht der Pfarrer in Urlaub und hätte doch noch ganz gern das Dreikönigsfest mit uns gefeiert (ob das liturgisch korrekt ist, ist mir heute ziemlich schnurz). Gelegenheit jedenfalls, auf Prof. Dr. Manfred Becker-Hubertis wie immer sorgfältig gestaltete und sehr informative Seite zum Fest der Heiligen Drei Könige hinzuweisen. Mit allem, was gebraucht wird, von Koch- und Backrezepten bis zum Liederbuch. Was mein Lieblingslied zu Epiphanias ist, hab ich mit mir noch nicht ausgemacht, ich tendiere zu "puer natus in Bethlehem", eigentlich als Weihnachtslied in Gebrauch, doch die vierte Strophe weist auf den Text in Jesaja 60, 6 und 1 hin, Teil des Graduales zum Fest der Erscheinung. Becker-Huberti bietet die deutsche Übersetzung.
  Von der lateinischen Fassung gibt es so viele Versionen, daß ich bisher noch nicht entschieden habe, welche ich wiedergebe. Die Fassung von Bach wäre wohl am passendsten.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Lucia, Tärna, Stjärngosse, Tomte, pepparkaksgubbar etc.

   Amelie, meine älteste Enkeltochter wollte eigentlich viel lieber Tomte sein am Luciafest. Die Kindergärtnerin hat sie aber wohl davon überzeugt, sich diesmal als Tärna zu verkleiden.
   Bei den schwedischen Kindergartenfesten zum 13. Dezember sind die vielen Lucias, die es im Kindergarten gibt, von verkleideten Kindern umgeben, die sich wahlweise als Stjärngosse, Tärna, Tomte oder Pepparkaksgummor oder Pepparkaksgubbar verkleidet haben. Für die zahlreichen Menschen wie mich, die des Schwedischen nur unzureichend mächtig sind: Sternenjunge (ein geistlicher Verwandter der Sternsinger, nur im unschuldsweißen Kleid und mit einem spitzen, weißen Hut mit drei Sternen), Jungfrau (mit einem Silberkranz im Haar und einer Lametta-Schärpe), Gnom (die Urform des "Weihnachtsmannes"), Pfefferkuchenmännlein und -fräulein. Im Kindergarten ist die Rolle der Märyrerin Lucia manchmal mehrfach besetzt.
   Mit der Schule beginnt dann der Ernst des Lebens: nur ein einziges Mädchen an der Schule darf die Lucia spielen, eine pädagogisch ziemlich anspruchsvolle, aber eherne Regel.
   Den tiefen, feierlichen Ernst, mit dem die protestantischen Schweden ihre allerheilgste katholische Märtyrerin feiern, kann man hier anschauen und anhören.
Strålande helgonfe, 
åter din bild vi se, 
ädla välsignade ljusbärarinna. 
Döden du övervann 
var som en natt som svann, 
över ditt bål som brann 
stjärnljusen glimma. 
Högt över nattlig sky 
snart dina timmar gry, 
sankta Lucia, sankta Lucia.

Und hier noch einmal eine hochinteressante Variation des Themas Helgonfe. (Das Wort ist unübersetzbar, im Sinne von, daß man das Wort, um Nichtschweden nicht zu irritieren, besser nicht übersetzen sollte)

Sonntag, 13. Dezember 2009

Iterum dico


    Der Morgen beginnt mit dem Introitus Gaudete. Keine Orgel. Nur der Gesang der Schola. 
Freuet Euch allezeit im Herrn; wiederum sage ich: Freuet Euch. Laßt alle Menschen Eure Güte erfahren, der Herr ist nahe. Sorget Euch um nichts:sondern traget stets in Eurem Gebet Eure Anliegen vor den Herren. (Psal 84,2) Herr, Du hast Dein Land gesegnet; aus der Gefangenschaft hast Du Jakob herausgeführt.
   Immer hat mich das "Iterum" Paulus im Philipperbrief aufgeschreckt. Einhämmern mußte man das den Christen, trotz aller Bedrängnis: Freuet Euch. Doch in diesem Iterum scheint auch die Bedrängnis der Märtyrerkirche auf.

Montag, 30. November 2009

Mein liebstes Adventslied


   
   In einer Vertonung von Johann Sebastian Bach. Danke für den Hinweis, Theresia Benedicta.

Samstag, 27. Juni 2009

Michael Jackson. Requiem aeternam dona ei


   Als Michael Jackson seine Solokarriere begann, war ich schon längst aus dem Alter heraus, in dem ich mich von Moonwalks oder fetziger Tanzmusik hätte beeindrucken lassen. Ich war verheiratet, fing an, eine Anwaltskanzlei aufzubauen, und sorgte mich um meine beiden kleinen Kinder. Dies - der Earth song - war MEIN Michael-Jackson-Tophit. Er singt von einer brennenden Erde, von den Killing Fields von Krieg und von der Hoffnung. Der Video-Clip (1995) nimmt Bezug auf den Bürgerkrieg in Jugoslawien. Am 11. Juni 1995 ereignete sich das furchtbarste Massaker des Bürgerkriegs, das Massaker von Srebrenica
   Der Earth song hielt sich Ende 1995 sechs Wochen lang in den deutschen Charts auf Platz 1. Für einen bemerkenswert politischen Song ein beachtlicher Erfolg. 
   Requiem aeternam dona ei, Domine, et lux perpetua luceat ei, requiescat in pace.