Kann man sich eigentlich eine unchristlichere Tat vorstellen, als die Ermordung dutzender Kinder und Jugendlicher? War die Tötung eines Kindes nicht aus Sicht christlicher wie im übrigen auch islamischer Tradition nicht die denkbar verachtenswerteste Untat? Unterschieden sich die Christen der Antike von ihrer Umgebung nicht dadurch, daß sie Kindern das Lebensrecht zusprachen? Heißt es nicht im Diognet-Brief
Sie heiraten wie alle und zeugen Kinder, jedoch setzen sie die Neugeborenen nicht aus.Daß sich der Massenmörder Breivik im Ernst auf das Christentum berufen kann, nimmt eigentlich keiner an, der noch alle Tassen im Schrank hat. Was nun nicht heißt, daß man den Massenmord des christlich kostümierten Freimaurers Breivik nicht für so manche nützlichen Zwecke einsetzen kann. Auch die Memorandistin Saskia Wendel konnt es sich offenbar nicht verkneifen, bei Gelegenheit den katholischen Traditionalisten, und ein bißchen auch dem Papst eine reinzuzwiebeln. Das fängt ganz harmlos an:
DIE ZEIT: Wie sieht Breiviks ideale Kirche aus?
Wendel: Er fordert nicht nur eine Revitalisierung des Christentums, sondern auch eine konservative Revolution der katholischen Kirche. Er will die Öffnungen, die das Zweite Vatikanum in den sechziger Jahren vollzogen hat, rückgängig machen und den alten Exklusivismus ins Recht setzen. Extra ecclesiam nulla salus: Die katholische Kirche ist die einzig wahre Kirche. Er kritisiert ihr Bekenntnis zur Religionsfreiheit und die Öffnung zum Islam.
DIE ZEIT: Damit steht er aber nicht allein.
Wendel: Nein, das sind klassische Topoi des katholischen Traditionalismus. Breivik hat zutiefst antimoderne Einstellungen etwa zur Abtreibung, zur Empfängnisverhütung, zur Geschlechtergerechtigkeit. Deshalb polemisiert er auch gegen Frauenordination und gegen die Anerkennung von Homosexualität durch die Kirche. Er lobt den Reichtum der Liturgie und die apostolische Sukzession, setzt die Autorität des katholischen Lehramtes gegen beliebige Deutungen der Schrift und betont die Unfehlbarkeit des Papstes.Das Verbot der Abtreibung, wie auch der künstlichem Empfängnisverhütung, die Ablehnung der Homoehe wie auch der Frauenordination sind also "Topoi des katholischen Traditionalismus". Das war uns nun als Kenner der Position der Memofreis nicht wirklich neu. Aber das war ja noch nicht alles:
Konservative Katholiken, die viele von Breiviks Ansichten teilen, sind deshalb noch keine Fundamentalisten. Aber es gibt durchaus eine fließende Grenze. Mit Furcht vor Freiheit und Pluralität fängt es an, und wenn dann noch ein überzogenes Sendungsbewusstsein ins Spiel kommt, wenn das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr anerkannt wird, wenn aus religiösen Überzeugungen direkt politische Forderungen abgeleitet werden – dann wird die Grenze zum Fundamentalismus überschritten. Bei bestimmten traditionalistischen Gruppierungen in der katholischen Kirche gibt es womöglich auch antidemokratische Einstellungen. Sollte hier ein Gewaltpotenzial entstehen, muss der Staat seine Schutzfunktion erfüllen. Das sind dann keine rein innerkirchlichen Angelegenheiten mehr.Die Gründung der KAF, der Katholischen Armee Fraktion steht also unmittelbar bevor. Und es gibt eine fließende Grenze zum "christlichen"Terrorismus. Kenn ich. Als politisierender Student lebte ich mal ganz nahe an einer fließenden Grenze (zur RAF). Und sah eines Tages in die Mündung einer HK MP5.
Und dann dieser "Jargon der Eigentlichkeit". Da gibt es "womöglich auch" antidemokratische Einstellungen. Warum so zögerlich? Sagen wir es doch rund heraus, Zeit ist Sesterz. Wenn aus religiösen Überzeugungen politische Forderungen abgeleitet werden, dann ist da schon Fundamentalismus. Das gilt dann für die gesamte katholische Kirche, die Abtreibung als Verbrechen ansieht, die Homoehe ablehnt, die künstliche Befruchtung als widernatürlich ansieht, Euthanasie und vorgeburtliche Selektion ablehnt und und und.
Vor allem der Plural "Gruppierungen" macht mich neugierig. Da wüßte ich doch gerne mehr. Wer sind sie, die "Gruppierungen", gegen die "uns" der Staat schützen muß? Daß die Piusbruderschaft dazu gehört, kann man aus diesem Interview ohne Mühe herauslesen. Da sind sich Interviewer und Interviewte offenkundig gänzlich einig. Aber wer noch? Die Petrusbruderschaft? Die Lebenschützer? Die Anhänger der Alten Messe? Gregorianische Scholen? Die Unterzeichner der Petition "Pro Ecclesia"? Die Mitglieder von "Pro Sancta Ecclesia? Die Leser des Vatican Magazin? Matthias Matussek? Martin Mosebach? Das Priesternetzwerk? Die Blogozese? Auf alle paßt der Steckbrief, den die "Zeit" und die Frau Theologin entwickelt haben. Auch auf den Papst. Auch wenn der großzügigerweise noch nicht zum Bewohner der fließenden Grenze gemacht wird.



