Samstag, 27. August 2011

Preußisch-katholisch, nicht ultramontan


Das Bild hat nicht unbedingt mit der Hochzeit des preußischen Kronprinzen mit seiner durchlauchten Verlobten zu tun. Es ist das Bild der Urgroßmutter des Bräutigams. Und ich stelle es nur auf den Blog, weil es mal ein bißchen Glamour vermittelt. Mit Glamour hattens die Preußen bekanntermaßen nicht so. Und die heutige Hochzeit, zu der der Bräutigam Seine Königliche und Kaiserliche Hoheit Kronprinz Georg Friedrich von Preußen im Cut und Zylinder, seine Braut Ihro Durchlaucht Prinzessin Sophie zu Isenburg im Designerkleid und mit Schleppe aber ohne Schleier erschienen, war so recht bürgerlich-konform, sieht man von den ausgeprägt adeligen Nasen des Brautpaars ab.

Einzig der Auftritt des Schneiders, Wolfgang Joop, vermittelt ein bißchen ganz unpreußischen Glitter, aber daß Jopp den Anzug einem britischen Dandy abgekauft hat, sagt ja wohl alles.

Die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit, inclusive der deutschen Veröffentlichkeit zeigt mir aber, daß zum modernen deutschen Nationalcharakter, wie ja auch zum modernen Charakter des katholischen Deutschen vor allem die Lust an der nur vermeintlichen Selbstkritik gehört. Denn ebenso wie der deutsche Durchschnittskatholik an der - nehmen wir ein Beispiel und sagen wir es in Achtundsechzigerisch - respressiven Sexualmoral der katholischen Kirche rumnörgelt, nölt der durchschnittliche Feuilletonjournaillist mit Vorliebe über die Preußen.

So wie die katholische Kirche an allem schuld ist, vom Hunger in der Dritten Welt (wg. des Verbots der Pille) über den deutschen Nationalsozialismus (wg. Pius XII) bis zur Aidskatastrophe (wg. Kondome), so ist für das durchschnittsdeutsche Feuilletonnörgeli der Preuße schlechthin an allem schuld, schlichtweg an allem, was in der deutschen Geschichte des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts so alles schiefgelaufen ist.

Ich sehe davon ab, hier links zu setzen, denn bis jetzt habe ich kein Beispiel gefunden, wo ein Schreiber mal wenigstens ein bißchen sein erlauchtes Haupt aus dem journaillistischen Schlammbambes erhebt. Auch die katholische Presse setzt sich nicht von der muhenden und mähenden Meute ab.
Heute wird Rainer Maria Woelki in seine neues Amt als Erzbischof von Berlin eingeführt. Im Fernsehen kann man das leider nicht verfolgen. RBB übeträgt lieber eine preußische Prinzenhochzeit.
Schreibt Markus Reder heute in der "Tagespost". Ich habe ja mal ein bißchen als Freizeitjounaillist herumgepusselt. Eins hab ich gelernt. Das wichtigste an der Nachricht ist ihre Relevanz. Je seltener eine Ereignis, desto größer seine Relevanz. Wie häufig ereignete sich im letzten Jahrhundert die Hochzeit eines Kronprinzen des ehemaligen deutschen Kaiserhauses? Und wie häufig ereignete sich die Amtseinführung eines deutschen Bischofs? Ersteres ereignete sich noch weniger häufig als eine in Deutschland beobachtbare totale Sonnenfinsternis, gerade dreimal.

Fünfhundert Jahre lang hat das Haus Hohenzollern die Geschichte der Mark Brandenburg geprägt. Und nun sollte der zuständige Regionalsender darüber nicht berichten dürfen?

Die katholische Selbstbezogenheit und eine gewisse Unfähigkeit zur Realpolitik haben die Katastrophe des preußisch-deutschen Kulturkampfes mit verursacht. Nicht erkannt zu haben, daß nicht die preußischen Könige, sondern die liberale Mehrheit des preußischen und später deutschen Parlaments die treibende Kraft hinter dem Kulturkampf war, war letztlich eine der Ursachen der deutschen Katastrophe. Wo das preußische Königshaus wirklich stand, hätte man am heutigen Ereignis gut nachvollziehen können.

Die Potsdamer Friedenskirche gehört zu den meist gelungenen und kunstvollen Bauten, die Friedrich Wilhelm IV, der Vater des ersten deutschen Kaisers, errichten ließ. Ihr wichtigster Schmuck ist ein altes venezianische Mosaik aus dem 13. Jahrhundert, sie ist nach dem Vorbild einer italienischen Kirche gestaltet, die Anlage orientiert sich am Vorbild historischer Klosterbauten. Der Altar wird überwölbt durch ein Ziborium mit vier kostbaren Säulen aus sibirischem Jaspis, ein Geschenk des russischen Zaren Alexander des I. Ein einzigartiges "ökumenisches" Kunstwerk also.

Auf dem Gelände finden sich die Gräber von Friedrich Wilhelm IV und seiner Ehefrau Elisabeth von Bayern. Der protestantische König war mit einer katholischen Prinzessin verheiratet. Und beendete auch aus persönlichem Interesse den ersten preußischen Kulturkampf, der ja schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann. Auch Kronprinz Georg Friedrich heiratete heute eine Katholikin. An der ökumenischen Hochzeit waren neben einem protestantischen Pfarrer, der für gewöhnlich in Jerusalem wirkt, auch der Altabt des Zisterzienserklosters Heiligenkreuz Gregor Henckel von Donnersmarck.

Heute heiratete ein Nachfahr des preußischen Königs, der einst auch für Katholiken Religionsfreiheit in seinem Land garantierte, in dem jeder nach seiner facon selig werden durfte. Der mit eigenen Mitteln für die Katholiken seiner Hauptstadt eine Kathedrale errichten ließ, in einer Zeit, in der die meisten Länder Nordeuropas noch weit von echter Religionsfreiheit entfernt waren.

Hätte doch einen Bericht wert sein können.

Aber stattdessen lese ich in einem meiner katholischen Aboblätter obiges. Und in der "Vatikan" bekennt sich Mosebach zum Ultramontanismus des 19. Jahrhunderts. Der aber war nicht nur Ausdruck katholischen Selbstbewußtseins und Unabhängikeit, sondern auch Ausdruck der Realitätsferne des politischen Katholizismus des 19. Jahrhunderts.

Im Zeitalter der Nationalstaaten waren die Katholiken noch nicht einmal im 20. Jahrhundert angekommen. Ich besitze eine Ausgabe des Schott aus den dreißiger Jahren. Dort ist nach wie vor unter den großen Fürbitten eine Fürbitte für den Kaiser abgedruckt - den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Das bekanntlich schon im Jahre 1806 den Weg allen Irdischen gegangen war.

Manchmal stehe ich außerhalb meines eigenen Katholischseins. Und bin auf einmal wieder preußisch-hanseatisch. Und finde Katholen einfach doof.

Na ja, so doof auch wieder nicht. Der Spiegel unterbietet jedes denkbare Niveau noch immer mit Leichtigkeit.

Die Welt ist heute allerdings kaum zu toppen: 

"Der Sender übertrug am Samstag im Verbund mit dem SWR und dem Hessischen Rundfunk drei Stunden lang die Hochzeit des Chefs des Hauses Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen, mit Sophie Prinzessin von Isenburg. Warum? Weil Georg Friedrich heute unser aller Kaiser wäre, wenn nicht die Amis, Franzosen und Briten nach dem Ersten Weltkrieg darauf bestanden hätten, mit einer demokratischen Regierung zu verhandeln – und nicht mit dem Mann, der den Weltenbrand an vorderster Front entfacht hatte. Liebe Programmmacher, liebe Preußen-Profiteure aus Westdeutschland, ihr müsst jetzt tapfer sein: Die Monarchie wurde 1918 in Deutschland abgeschafft. Für seinen Ururgroßvater kann der Prinz von Preußen nichts. Aber wieso soll er nun plötzlich wieder was davon haben?"

Nun, die These von der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg wird von seriösen Historikern nicht vertreten. Das Deutschland des Jahres 1918 war eine konstitutionelle Monarchie,  die letzten Wahlen hatten zu einer parlamentarischen Mehrheit der SPD und des katholischen Zentrums geführt. Eine demokratische Regierung hatte Deutschland im Jahre 1918. Ihr Kanzler war der liberale Aristokrat Max von Baden, seinem Kabinett gehörte unter anderem der Sozialdemokrat Scheidemann an. 


Der Artikelschreiber läßt übrigens eine Umfrage zu, ob sich die Leser wohl einen deutschen Kaiser wünschen. Die Mehrheit ist dafür. Find ich lustig. Vielleicht hat ja den Lesern auch nur imponiert, daß sich die nordischen konstitutionellen Monarchien Großbrittaniens, Dänemarks, Norwegens und Schwedens aus dem Euroschlamassel rausgehalten haben? Der Frage sollte man mal nachgehen.

Kommentare:

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Wir wollen aber unsre Sissi wieder haben!
;-)

Teresa hat gesagt…

Wer im DLF auf die Idee kam, Uwe-Carsten Heye zur Prinzenhochzeit zu interviewen...

Templarii hat gesagt…

Was ist an der Fürbitte für den Kaiser des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation falsch?

Nur weil Napoleon, der friedlicher Friedenskeiser - der Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit brachte diesen Staat zerstörte, viele enteignete und den Menschen ihre Gesellschaftsstruktur nahm nach denen sie sich bis Heute zurücksehnen?

Schon mal mitbekommen wie sehr sich die Menschen nach Adel, Ritter, Ehrenleuten und co sehnen?

Die Protestanten brauchen einen neue Reformation und zwar eine die mitberücksichtigt das die Protestanten sich selbst dekonstruiert haben. Die Katholische Kirche ist stark und stemmt immer noch sehr viel, die Protestanten sind zum Sozialverein verkommen.

Es braucht einen Papst und eine Hierarchie - wir Menschen sind so materiell das wir manchmal etwas zum festhalten brauchen. Bricht alles weg, bleibt nur noch "Bumsen, Saufen, Vergnügen". Mehr nicht - da braucht es einen Priester der auf Sex verzichtet weil er es Gott opfert.

Und nicht so ein wischiwaschie "Protestantentum" das nur eine Kolonne der Menschenhasser sind.

Ultramontan ist logisch, so ist die Katholische Kirche aufgebaut - ein Papst - er ist der Diener der Diener. Das ist ein Gegenstück zum weltlichen Herrscher, auf den man nicht völlig Vertrauen sollte.

Denn wenn man das tut, es nur auf ein "weltliches Bein" stellt - bricht die gesamte Gesellschaft zusammen wenn man dieses Bein zerschlägt wie 1918 passiert. Seitdem gibt es kein Preussen mehr und das evangelische ist nur noch eine hohle Nuss.

Die Bayern haben zwar keinen König mehr, aber sie haben einen geistigen Führer, das ist der Papst. Und das hilft ihnen beim Überleben.

Auch so zeigt sich die Strafe Gottes... Und wenn man an Russland denkt.. Sie lernten Gott im Gulag wieder lieben. :-(

Templarii - recognoscere.wordpress.com