Sonntag, 25. Juli 2010

Die neuen Fronten des neuen Kulturkampfs


Erstaunlicherweise gibt es über den Kulturkampf des 19. Jahrhunderts wenig an Literatur, die derzeit noch nennenswerte Auflagen erreichte. Selbst die Deutsche Bischofskonferenz, auf deren Homepage noch vor einigen Jahren eine ausführliche Darstellung des Kulturkampfs der Jahre 1870 ff. zu finden war,  hat in ihrer aktuellen Darstellung der Geschichte der deutschen katholischen Kirche dieses Kapitel fast ganz gestrichen. So bleibt derzeit Manuel Boruttas Buch über den Antikatholizismus des 19. Jahrhunderts die einzige (beschränkt) lesenswerte Darstellung. Nun ist der "Antikatholizismus" eine Doktorarbeit, ursprünglich also nicht als Massenpublikation gedacht und dementsprechend schwer verdaulich. Der Autor hält sich brav an die Usancen des Wissenschaftsbetriebs, spart nicht mit Fußnoten, präsentiert einen gewaltigen Literaturapparat und vergißt auch nicht seinen Obulus an den Zeitgeist in Gestalt des allgegenwärtigen Herrn Foucault zu entrichten. Daß auch die Genderforschung bedacht werden muß, ist bei einer Doktorarbeit der neueren Zeit unausweichlich, jedenfalls dann, wenn der Doktorand eine akademische Karriere anstrebt.

Mit diesen Einschränkungen - auch der relativ hohe Preis stellt eine nicht geringe Hürde dar - ist das Buch sehr lesenswert, räumt Borutta doch mit einer überwältigenden Faktenfülle mit überkommenen Ideologien auf wie der, daß der protestantische Machtpolitiker Bismarck den Kulturkampf lediglich als Mittel eingesetzt habe, um seine höchsteigenen politischen Ziele zu verfolgen, daß der Kulturkampf somit auf Bismarcks protestantisches Preußen beschränkt war, der Kulturkampf somit Bismarcks Kulturkampf gewesen sei. Tatsächlich begann der Kulturkampf nicht in Preußen, war nicht auf das protestantische Norddeutschland beschränkt, waren Bismarck wie das preußische Königshaus eher Getriebene, als Akteure des Kulturkampfs. Die Theorie von "Bismarcks Kulturkampf" entpuppt sich damit als praktische Ideologie, hinter der sich die wirklichen Protagonisten bis heute verstecken.

Der Kulturkampf begann nicht in Preußen, sondern in den katholischen Ländern Italien und Bayern. Als er auf Norddeutschland überschlug, war nicht Bismarck die treibende Kraft sondern vielmehr die liberale Mehrheit des norddeutschen und später deutschen Parlaments. Die gnadenlosesten Verfolger der Kirche waren liberale Katholiken - zunächst die deutschkatholische, dann die altkatholische Abspaltung der una sancta. Die Leidtragenden waren schließlich nicht etwa allein die Katholiken, sondern auch die lutheranischen Landeskirchen, die wie die katholische Kirche unmittelbar betroffen waren von der Einführung der Zivilehe, der staatlichen Überwachung und Schließung kirchlicher Schulen, massiver Repressalien wie dem "Kanzelparagraphen."

Man könnte etwas lernen aus einer Beschäftigung mit dem Kulturkampf des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel, daß es noch immer die Liberalen sind - wie in Deutschland der Homosexuellenaktivist Westerwelle oder die "Humanistinnen" Leutheusser-Schnarrenberger (HU) und Pieper - die teilweise militant und immer noch oder schon wieder eine Verdrängung der Religion ins "Private", oder genauer gesagt in die häusliche Intimität fordern. Zum Beispiel, daß "progressive" Katholiken zu den weitaus militantesten Gegner der Kirche gehören, etwa von ZK bis WSK, nachdem der Deutschkatholizismus inzwischen in der agnostischen Diaspora gelandet, und der Altkatholizismus zu einer vernachlässigbaren Sekte geschrumpft ist.

Nun sind zu den alten antireligiösen Aktivisten neue hinzugekommen, Sozialisten, Kommunisten, Atheisten, "Humanisten", Feministen, die LGBT-Community. Und zu dem alten Feindbild Katholizismus (und immer schon der konservative Protestantismus und das konservative Judentum) sind noch zwei weitere hinzugetreten: der evangelikale Protestantismus und der Islam. Der "Kampf ums Kopftuch" weist jedenfalls fatale Ähnlichkeiten mit dem Kulturkampf des 19. Jahrhunderts auf.

Redet nicht Alice Schwarzer, die ein Kopftuchverbot selbst für muslimische Schülerinnen fordert, wie der altkatholische preußische Abgeordnete Windthorst?
In Kindergärten, Schulen und im öffentlichen Dienst allerdings hat dieses Kopftuch, das kein religiöses, sondern ein politisches Zeichen ist, nichts zu suchen. Hinzu kommt, dass es eine gewaltige Erleichterung für viele muslimische Mädchen aus orthodoxen oder fundamentalistischen Familien wäre, wenn das Kopftuch sie wenigstens in der Schule nicht als die „Anderen“ stigmatisierte, in ihrer Bewegungsfreiheit behinderte und sie von den Jungen wie Wesen von unterschiedlichen Sternen trennte. Wir würden den Mädchen mit dem Freiraum Schule überhaupt erst die Chance zu einer eines Tages wirklich freien Wahl geben.
Daß sich junge Frauen durchaus bewußt gegen ihre "sexuell befreite" Umwelt abgrenzen, und das Verbot des Kopftuchs ganz und gar nicht als Befreiung sehen, geht dieser Vertreterin des "vormundschaftlichen Staates", die ja ansonsten die völlige Entscheidungsfreiheit der Frau selbst über Leben und Tod fordert,  nicht in den Kopf. Sie denunziert das Kopftuchtragen wechselweise als unmittelbare Folge patriarchaler Strukturen oder - feministisch machomäßig - als krankhaften "weiblichen Masochismus". Und sie folgert und fordert:
... es gibt Grenzen der „Religionsfreiheit“. Mit der wollen ja auch christliche Fundamentalisten zum Beispiel begründen, wenn sie ihre Kinder nicht in unsere Schulen schicken. Schon seit Papst Johannes Paul II. ist übrigens ein Schulterschluss zwischen den Konservativen und Fundamentalisten beider Religionen zu beobachten. Im Visier haben sie beide dabei ihre Privilegien und die Selbstbestimmung der Frauen.
Und landet dabei wundersamerweise bei dem alten Feindbild Katholizismus.

Mit strukturell sehr ähnlichen Argumenten forderten auch schon die Altkatholiken Windthorst und Petri im 19. Jahrhundert massive Repressionen wie die Aufhebung katholischer Orden.
In der Manier des Schauerromans wurden die Geistlichen als Zombies dargestellt: als Tote, die auf Wink der Oberen zum Leben erweckt und als willenlose Truppen jederzeit in Stellung gebracht werden konnten. Aus liberaler Sicht besaß das Ordensverbot daher auch eine emanzipatorische Dimension. Für Sybel und den Linksliberalen Eduard Windthorst befreite es den Klerus aus "Sclaverei" und "Leibeigenschaft". Daß viele Geistliche Petitionen für den Fortbestand ihrer Klöster unterzeichnet hatten, schien lediglich das Vorurteil zu bestätigen, daß es sich um hörige Subjekte handle. (M.Borutta, Antikatholizismus, S. 260 f.)
Auch hier erscheinen Menschen, die sich für eine religiöse Lebensform entscheiden als Verführte oder Wahnsinnige, erscheint das staatliche Verbot dieser Lebensform als "Befreiung".

Irgendwo mußte ich ein weiteres CEEC-Bildchen unterbringen. Und die Bedrängung der Religionsfreiheit hat durchaus etwas mit Christi Passion zu tun.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Deiner Argumentation kann ich weitgehend folgen, anders jedoch bei Deinen Thesen zu Kopftuch.

Das Kopftuch ist keineswegs nur eine Abgrenzung gegenüber einer sexualitätsdominierten Umwelt sondern ein politisches Symbol für eine totalitäre Ideologie.

Das Kopftuch ist das Hakenkreuz des Islams.

Jacopone hat gesagt…

Danke für den interessanten Beitrag. Eine neuere Doktorarbeit auszuwerten, ist sicher nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig ...
Bezeichnend auch, daß die deutsche "Amtskirche" die Erinnerung an diese Verfolgung verdrängt. Dazu passt, daß in der katholischen Kirchengeschichtschreibung, zumindest der akademischen, der liberale Kampfbegriff "ultramontan" für die papsttreuen Katholiken des 19. Jahrhunderts nach meinem Eindruck mittlerweile kommentarlos übernommen wird.

Lupambulus Berolinen. hat gesagt…

Jaja, wenn das alles so einfach wäre, lieber Johannes...

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Mal 'ne Frage nebenbei: Hast Du was inhaltliches gegen Foucault oder stört es Dich nur, daß er an allen Ecken und Enden zitiert wird/werden muß?

Je mehr ich von Foucault lese, desto mehr halte ich ihn nämlich für stinkreaktionär, auch wenn ihm das vielleicht nicht so ganz bewußt war. Denn seine Erinnerung an die Infragestellung der "Allmacht" der Vernunft durch die Irrationalität, die nur durch das Ausschließen alles Irrationalen aus der Gesellschaft (und insbesondere der Menschen, die dieser totalen Rationalität nicht entsprechen können oder wollen) mit massiven Repressalien erkauft ist, lese ich (wohl etwas "gegen den Strich", aber ich kann nicht anders) als Plädoyer für den katholischen Glauben.

Klar, nicht alle Konsequenzen, die er oder gar seine "Jünger" ziehen, kann und sollte man mitgehen. Aber denen fehlt ja auch der Glaube. Solange man Foucaults Werk als das liest, was es vor allem sein sollte, eine kritische Darstellung und Hinterfragung gesellschaftlicher Realitäten, kann ich dem viel abgewinnen.

Johannes hat gesagt…

Nun, ich hab auch was Inhaltliches gegen Foucault, aber vor allem hab ich was gegen die studentischen Plappermäuler, die unbedingt einen Foucault-Schlenker bringen müssen, weil das halt mal so Mode ist. Insofern hab ich was gegen den "unvermeidlichen" Foucault, u.a. weil zu meiner Zeit ein Marx, Freud oder Adorno-Zitat (vor allem letzteres) "unvermeidlich" war. Die akademische Szene hat eben so ihre Macken und ich hab mich zu lange an der Uni rumgetrieben hab ne echte Überdosis.