Sonntag, 11. Juli 2010

Pater Filucius: culture wars revisited

Wilhelm Buschs "Pater Filucius" habe ich auf diesem Blog schön häufiger thematisiert. Mir schien das (Mach)werk bislang als besonders primitive Variante antikatholischer Hetze des 19. Jahrhunderts. Aber dieses Comic hat mehr zu bieten, ist vielmehr eine höchst subtile und lehrreiche Darstellung des Kulturkampfes des 19. Jahrhunderts. Wer sich dieses Bilderwerk genauer ansieht, wird den Kulturkampf dieser Tag besser verstehen können. Und vielleicht die eine oder andere Fehleinschätzung vermeiden, etwa die, daß die Kampflinie zwischen Katholiken und Protestanten verliefe. Sie verläuft ganz anders, wie wir bei Busch lernen können. Das Titelbild ist natürlich Gottlieb Michael, nicht besonders subtil, doch am Vornamen läßt sich ablesen, daß der deutsche Michel keineswegs ein Atheist ist.
Daß die Namen der beiden Tanten Michaels eine Bedeutung haben (Petrine: katholische Kirche, Pauline: konservativer Protestantismus) habe ich erst vor kurzem verstanden. Eigentlich auch nicht so schwer zu verstehen, angesichts des protestantischen Pastorenbäffchens von Pauline. Daß beide letztlich Leidtragende des Kulturkampfes waren, haben die konservativen Protestanten des 19. Jahrhunderts leider etwas spät begriffen. Beide verloren die Schulaufsicht über ihre konfessionellen Schulen, beide betraf der Kanzelparagraph. Sinnenfroh und lustig die katholische, verhärmt und freudlos die protestantische Tante, ein Späßken, daß mich doch irgendwie amüsiert.
Hübsch gestaltet, klug gelehrig, Base Angelika ist das Sinnbild der "aufgeklärten" Staatskirche.
Pater Filucius, der Jesuiter. Daß Busch dem Jesuiten eine "jüdische" Physignomie andichtet, ist keinesfalls Zufall. Obwohl das liberale Judentum auf Seiten der liberalen Kulturkämpfer stand, waren die Jesuitenfresser der Zeit der festen Überzeugung, daß die überwiegende Mehrheit der Jesuiten jüdischer Herkunft war.
Daß sich unter der zölibatären Maske der Vergewaltiger verbirgt, gehörte auch im 19. Jahrhundert zu den Standards der antikatholischen Agitation.
Schrupp, das Flohmutterschiff. Seuchen, Ungeziefer und Infektion als Begleiterscheinung des Katholizismus war das Thema des liberalen Abgeordneten Herrn Virchow. Die oberschlesische Typhusepidemie war für den Pathologen unmittelbar zurückzuführen auf die durch die katholische Religion verursachte kulturelle Unterlegenheit der polnischsprachigen oberschlesischen Bevölkerung.
Ach, die weltlichen Gewalten! -
Durch des Armes Muskelkraft
Wird der fromme Pater Luzi
Wirbelartig fortgeschafft.
1872 - dem Erscheinungsjahr des "Pater Filucius" verabschiedete der von Liberalen beherrschte und von Bismarck beeinflußte Reichstag das Verbot des Jesuitenordens, daß bis 1917 in Kraft blieb.
Pater Filucius Bündnispartner Inter-Nazi (Sozialisten) und Jean Lecaq. Der französische Erbfeind war bis zur Niederlage im deutsch-französischen Krieg Schutzmacht des Vatikanstaates. Die Niederlage hatte unmittelbar die Eroberung des Vatikanstaates durch italienische Truppen zur Folge.
Wehr-, Lehr- und Nährstand auf dem Kriegspfad. Die weiteren häßlichen Szenen sparen wir uns. Doch das vorletzte Bild ist einfach ein Traum.
Ein Traum, wie ihn Daniel Deckers immer wieder träumt. Die aufgeklärte Staatskirche (die übrigens keineswegs deutliche protestantische Attribute zeigt) blickt devot und züchtig zu Boden. Keine widerspenstigen Lutheraner, keine ultramontanen Katholiken. Die Kirche als Hausfrau in einem Haushalt, in der der Mann (Staat) die Hosen anhat. (Michael hat sich in der Geschichte übrigens einen Antrag gleich gespart.) Glaube als reines "forum internum", häuslich, privat, feminin.

1 Kommentar:

Alipius hat gesagt…

Klasse Beitrag! Auf diese Form der antikatholischen Stimmungsmache kann man gar nicht oft genug hinweisen (eben besonders wegen der Zöglinge - Deckers etc).