Montag, 22. November 2010

Dem Schwulen ist alles schwul


Kaum hat der Papst das Wort "Kondom" in den Munde genommen, schon raschelts im deutschen Blätterwald, daß es nur so eine Art hat. Aber während sich die in "meinen" 68er-Kreisen als rechtsextremistisch-konservativ verschrieene "Welt" und die noch viel schlimmere "Bild" in vornehmer Zurückhaltung übt, das neue Papst-Buch dort geradezu euphorisch herbeigeschrieben wird und man sich äußerst differenziert äußert, findet sich in der heutigen FAZ (ach ja, hab sie gekündigt hat aber noch lange, lange Kündigungsfristen) ein echter Hammerartikel.

Schon die Art, wie da ein kurzes Papstzitat zum unsäglichen Kondomthema mit dem Thema tridentinische Messe sowie einer Eloge des geschassten schwulen Theologen David Berger zusammengerührt und in einem von bizarren Thesen nur so strotzenden Artikel verarbeitet wird, könnte man ingeniös nennen. Oder bescheuert. Oder paranoid. Oder monoman. Kernsatz:
Berger nennt es paradox, dass die krasseste Homophobie bei Verfechtern der tridentinischen Liturgie zu finden sei, während die Ästhetik gerade dieses altehrwürdigen Kults eine besondere Anziehung auf Schwule ausübe. „Es ist eine Ästhetik, die wie keine andere im Bereich der Religion homosexuell veranlagte Männer magisch anzieht. Eine Ästhetik, die aber zugleich von einer Gruppe vertreten wird, die wie keine andere im Katholizismus Homosexualität verurteilt, ähnlich den fundamentalistischen protestantischen Sekten in den USA.“ Was „traditionalistisches Liturgie- und schwules Selbstverständnis miteinander verbindet“, sei ihm durch Martin Mosebachs Schrift „Häresie der Formlosigkeit“ begreiflich geworden, das Buch eines Vordenkers traditionalistischer Kirchlichkeit, auf den Berger nicht gut zu sprechen ist: „Ein durch Ästheten wie Martin Mosebach vornehm parfümierter Traditionalismus ist inzwischen wieder salonfähig.“
Also noch mal ganz langsam zum Mitschreiben: die von ausgewiesenen Homophoben bevorzugte überlieferte Liturgie ist selbst homophil, weil sie die zum Kitsch und Schwulst neigenden Tucken anzieht wie die Motten das Licht, was den Schluß erlaubt, daß das ganze - die vorkonziliare Szene also - nichts weiter sei als das Produkt der Sublimierung homosexueller Neigungen.
Homosexuelle Sublimierung erscheint nicht nur als Wurzel und dauerhafte Nahrung des traditionellen katholischen Kultes, sondern auch als Abwehrmechanismus, der die unter den Freunden des klassischen Ritus und Gegnern der Liturgiereform verbreitete Homophobie gut erklären würde.
Durch Zufall - hab meinen Papiergruschel aufgeräumt -  liegt vor mir eine Spielkarte mit einer Karikatur von Hans-Jürgen Krahl, weiland stockschwuler Chefideologe des Frankfurter SDS, Musterschüler von Theodor Wiesengrund Adorno, Hauptmacher der revolutionär-antiautoritären Frankfurter Szene, Chefagitator neben dem ebenso stockschwulen Günther Amendt (übrigens Zwillingsbruder des Lieblingsfeindes der Feministen und LGBT-Szene Gerhard Amendt). Von den beiden, denen ich um 1970 ständig über den Weg lief hab ich jedenfalls eines gelernt, daß einem sexuell devianten Menschen kaum noch etwas mehr bedeutet, als die eigene, verbogene Sexualität. Daß sie alles nur aus schwuler Sicht, mit schwuler Brille sehen können, alles nur noch in der Sprache einer überbetont sexualisierenden Psychologie ausdrücken können. Und bei den Alt-68er findet sich auch die Ur-Thesis der Berger/Geyer-Theorie.

Einer von Hans Jürgen Krahls schrillsten Aufsätzen hat es sogar in die bibliotheca augustana geschafft. Und da lernen wir nun, daß nicht nur Jesus homosexuell war, sondern daß das ganze postpaulinische Christentum seine Existenz der verklemmten Homosexualität seiner "Religionsgründer" verdankt:
Die entscheidende Rezeption des platonischen CHORISMOS erfolgt durch die paulinische Uminterpretation des Homosexuellen Jesus. Das Fleisch ist die sündige, von Gott, der reinen Identität in ihrer Trinität, abgefallene Materie. Der Zeugungsakt ist strenge Pflicht. Alle Lust ist sündig. Verlagerte Platon das Lustprinzip in die Sphäre der Identität, der gleichgeschlechtlichen Liebe, so wird diese von Paulus verbannt. Homosexualität ist Liebe zu Gott, zu Jesus - dem fleischgewordenen Logos -, das heisst mönchisches Leben; reine Lust ist Askese. Durch diese aufs abstrakte Jenseits gerichtete und umfunktionierte Sexualität schlägt in Europa alles Erotische ins Neurotische um (verklemmte Homosexualität).
Alles schon mal dagewesen. Einfach unausrottbar.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke!Endlich hat einer gesagt was ich mir schon so lang denke aber nicht so gut hätte ausdrücken können!

christian hat gesagt…

Dieselbe Beobachtung - für Schwule ist alles schwul - habe ich auch schon oft gemacht. Man gewinnt den Eindruck von "Heterophobie"; alles muss gleich (homo) sein, sonst ist es gleich bedrohlich; alles muss auch irgendwie auf einen sexuellen Nenner gebracht werden.

christian hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
jolie hat gesagt…

danke.
im grunde ist es bestürzend zu sehen, auf welches unterirdische niveau eine einst so angesehene zeitung wie die FAZ fällt

Stanislaus hat gesagt…

Zack, das hat gesessen! Sehr schön, werde es in meiner Berichterstattung als Update verlinken.

Anonym hat gesagt…

Was lehrt uns das? Wer die FAZ kauft oder liest oder eine gekaufte oder gelesene FAZ in Umlauf bringt, wird mit Hirnerweichung nicht unter 2 Äonen = 1 Geyer bestraft.

Anonym hat gesagt…

Ohja. Die Welt besteht aus Schwulen. Das ist mir auch schon untergekommen, unter anderem in einem Film, in dem sogar behauptet wurde Tiere wären von Natur aus schwul! Jawoll... Also ich gebe zu mein (männlicher) Hund hat ab und an mal ein Männchen besprungen, allerdings war das mit ziemlicher Sicherheit kein freundlicher Akt, sondern eine Unterwerfungsgeste. Aber nunja...

Anonym hat gesagt…

Trifft den Nagel doch genau auf den Kopf

Vincentius Lerinensis hat gesagt…

Ehrlichgesagt: Mittlerweile bereue ich fast, zwei Geyerartikel auf meinem eigenen Blog verwurstet zu haben. Viel zu viel Aufmerksamkeit für so einen Troll. Und die FAZ hat nun wirklich auch noch was anderes zu bieten. (Wenn auch allmählich nicht mehr im Feuilleton. Schade. Das FAZ-Feuilleton war mal der Grund, warum ich fürs Feuilleton überhaupt ein Interesse entwickelt habe, und Stadelmaier ist nach wie vor eine Bank...)