Freitag, 19. November 2010

Mulmige Gefühle


Vor wenigen Wochen fiel mir ein Artikel des Generalsekretärs der FDP, Lindner in die Finger, in der der eine republikanische Offensive forderte, und sich Europa ohne seine christliche Mitte, und ohne sein christliches "Mittel"alter , als vermittelndes zwischen Antike und Neuzeit nämlich, vorstellte. Europa ohne Mitteldrümmel, nur Kopf und Schwanz, wie eben so ein liberales Armeleuteessen für die geistlos Armen aussieht.

Irgendwie putzig. Weniger putzig, sondern tendentiell bedrohlich, daß die Front der NeoJakobiner breiter wird, frecher, unverblümter. Man mag, oder der SPD-Vorstand mag, die "Laizisten in der SPD" für eher plemplem halten. Aber die Mitgründer des Vereins sind keineswegs Hinterbänkler. Ingrid Matthäus-Maier - eine ehemalige LinksLiberale - war schließlich lange Zeit die Finanzexpertin der SPD-Bundestagsfraktion und ehemals Chefin der KfW. Rolf Schwanitz gehört zur Prominentenriege der Ost-SPD und ist nicht etwa Mitglied eines spätmarxistischen Flügels des SPD, sondern des konservativen Seeheimer Kreises. Carsten Schneider, MdB durfte heute die Posittion der "Sozialen und demokratischen LaizistInnen" in der FAZ darstellen. Auch der ist keine Randfigur, sondern ebenfalls "Seeheimer" und finanzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Prominente Funktionsträger aus der Mitte der Partei ziehen für das zu Felde, was sie eine neue "Balance" zwischen Kirche und Staat nennen. Balance klingt immer gut, aber bei Lichte betrachtet, sieht diese "Balance" dem vorwiegend antikatholischen Vernichtungsfeldzug von Säkularisation und Kulturkampf des 19. Jahrhundert verteufelt ähnlich.

Hintersinnig ist das ganze Programm, das Schneider in einem wesentlichen - dem von der reinen Geldsumme her bedeutendsten -  Punkt so begründet:
Alle Wohlfahrtsverbände - kirchliche wie nichtkirchliche - finanzieren sich zum größten Teil über "Leistungsentgelte" sprich: über Gelder aus der Sozialhilfe sowie der Kranken- und Pflegeversicherung. Gleichzeitig nehmen die kirchlichen Organisationen für sich in Anspruch, ihre Mitarbeiter nach Religionszugehörigkeit auszuwählen - nicht nur leitende Angestellte, sondern auch Sachbearbeiter und Erzieherinnen, Caritas und Diakonie berufen sich auf das "kirchliche Selbstverwaltungsrecht" und den "Verkündungsauftrag der Kirche". So schaffen sie eine doppelte Ungerechtigkeit:  Erstens diskriminieren sie nichtchristliche Arbeitssuchende, zweitens finanzieren auch konfessionsfreie oder andersgläubige Steuer- und Beitragszahler die Verbreitung des christlichen Glaubens mit.
Gezielt wird da nicht nur auf die Aufhebung des Tendenzschutzes, der die Kirchen in der Tat aber auch zu recht privilegiert, sondern auf die Vertragsfreiheit. Kirchliche Einrichtungen sollen sich nicht mehr ihre Arbeitnehmer frei auswählen dürfen, was Caritas und Diakonie letztlich in säkulare Unternehmen verwandeln würde, denen im wahrsten Sinn des Wortes der Geist fehlt.

Man dankt für die Offenheit, mit der hier die Destruktion der organisierten Form der christlichen Caritas gefordert wird, und mit einem Argument begründet wird, dessen Widersinn eigentlich kaum zu übersehen ist. Bei den staatlichen Zuwendungen oder denen aus Versicherungen handelt es sich schließlich keineswegs um Geschenke, sondern um Entgelte für Leistungen. Und die kann der Kunde - etwa der erkrankte Mensch - schließlich dort einkaufen, wo es ihm in einem freien Staat beliebt. Wenn er sich für ein kirchliches Krankenhaus entscheidet, wird dies seinem freien Willen entsprechen. Und er wird eine Leistung in Anspruch nehmen, für die er in der Regel, sei es durch Steuern oder Versicherungsbeiträge, selbst bezahlt hat und nicht der Herr Schneider oder der als in der Regel "konfessionsfrei" gedachte "abstrakte" Bürger.

Auch mit Arbeitnehmerdiskriminierung ist hier nicht zu argumentieren. Alternativen gibt es schließlich, nur daß sie eben schlicht am Markt weniger erfolgreich waren. Wofür man nun nicht die Kirche verantwortlich machen kann, sondern die Konkurrenz. Von einem "humanistischen" oder "laizistischen" Krankenhaus hab ich bisher noch nicht gehört.

Was ja auch seine Logik hat. Denn die "LaizistInnen" wollen wohl eher - neulich mit der Zulassung der Präimplantationsdiagnostik - die Kranken bekämpfen als die Krankheiten. Auch diese Humanisten.
Viele Genossinnen und Genossen stören sich ja gerade daran, dass wir in den letzten Jahren zunehmend eine starke Verengung auf kirchennahe Positionen feststellen müssen und durch eine völlige Distanzlosigkeit und personelle Verklammerung inzwischen gar nicht mehr in der Lage sind, die Kirchen überhaupt noch zu kritisieren und in wichtigen politischen Fragen (wie z.B. auch Präimplantationsdiagnostik, Patientenverfügung und Selbstbestimmtes Sterben, Gleichberechtigung Homosexueller, etc.) Positionen zu vertreten, die denen der Kirchen widersprechen.
Woraus zu lernen ist - wie fast immer - daß LaizistInnen für PID und "Selbst"bestimmtes Sterben sind.  Damit haben wir denn die Quintessenz des Programms zusammen und wissen nun, wo es gegen die Freiheit geht - in diesem Fall um die elementarste und alltäglichste, die Kontraktionsfreiheit - geht es meist auch gegen das Leben.

Bild: Eine Szene aus dem Krieg der republikanischen Truppen gegen die katholische Vendée. Bénediction des combattants vendéens von Charles-Alexandre Coëssin de la Fosse. Trifft meine heutige Stimmung.

Kommentare:

Pro Spe Salutis hat gesagt…

Fragt mich denn einer, ob ich so manchen Scheiß, den ich über Steuern, Abgaben und (Krankenkassen-) Beiträge (zwangsmit-) finanzieren muß, eigentlich finanzieren will?

Alipius hat gesagt…

Die Caritas hilft international Angehörigen aller Konfessionen. Was schwerer zu wiegen scheint, ist die Tatsache, daß die Cariats nicht Mitarbriter aller Konfessionen einstellt.

Hier sieht man es mal wieder deutlich: Die mal schleichende, mal marodierende Loslösung des Geschöpfes von seinem Schöpfer bewirkt, daß in den Hirnen und Seelen nicht mehr die Frage vorherrscht: "Was sind meine Pflichten (auch gegenüber Nicht-Christen/Nicht-Katholiken), und wie erfülle ich sie zum Wohle der Allgemeinheit?" sondern die Frage "Was sind meine Rechte, und wie boxe ich sie zu meinem eigenen Wohl durch?"

Danke für euer Utopia, liebe Revolutionäre!

nk hat gesagt…

Ich sehe die Tendenz, dass der Staat sich in verschärftem Maß gegen die Kirche wendet. Das ist einerseits dumm und traurig, besonders für die Mitarbeiter der betroffenen Institutionen und natürlich die Mühseligen und Beladenen .

Dennoch : Im Grunde finde ich diese Frontstellung richtig und ich wünschte mir, die Kirche würde sich klar und bewusst vom Staat aus sich heraus abgrenzen.

Dies entspräche der Lehre besser und es wäre klüger. Es ist noch keiner nichtstaatlichen Gruppierung langfristig gut bekommen, Ihre Interessen durch den Staat absichern zu lassen. Der Staat duldet keine Götter neben sich, er tendiert zum Totalitären, der demokratische Staat in besonderem Mass, denn er kann am glaubwürdigsten behaupten, das allgemeine Wohl zu vertreten, hat also eine starke scheinbare Legitimation.

Der Staat will keine starken Familien, er will keine wirtschaftlich Selbständigen und ganz besonders will er keine starke Kirche. Und umgekehrt stand die Kirche noch jedesmal, wenn sie sich mit der Staatsmacht eingelassen hat , spätestens nach 200 Jahren dumm da und hat völlig ohne Not moralischen Kredit verspielt.

Hey, wir denken in Jahrhunderten, das ist eine katholische Spezialität! Wir sollten die Chance, die in diesen unsinnigen Vorstössen liegt ergreifen und den Spiesß umdrehen. Im übrigen liegt die Stärke der Kirche darin, dass sie bereit ist, notfalls in die Katakomben zu gehen. Wahrscheinlich müssen wir uns darauf einrichten.