Mittwoch, 4. August 2010

Liturgisch-kalendarische Kakophonie


Elsa hat, angeregt durch einen sehr lesenswerten Vortrag des Sekretärs der Kommision "Ecclesia Dei" die berechtigte Frage gestellt, wie man sich in dem durch die nunmehr bestehende Konkurrenz zweier Kalender und zweier Riten eigentlich noch zurecht findet. Wie soll ein Laie das Stundengebet beten, wenn es doch sich widersprechende Kalender gibt, und wenn es nach der Liturgiereform des II. Vat. (es gibt auch eine nachkonziliare Liturgiereform, aber gemeint ist die in "Sacrosanctum Concilium" vorgenommen Umgestaltung des Stundengebet.) nunmehr drei verschiedene Psalterien, zwei verschiedene Stundenordnungen, dazu noch (bzw. wieder) das kleine Stundenbuch, alternativ das officium parvum B.M.V. gibt.

Wir haben nunmehr
  1. das überkommene Einwochenpsalterium, das die gesamten Psalmen, der benediktinischen Ordnung folgend, auf eine Woche verteilt.
  2. den hierzu alternativ existierenden Zweiwochenpsalter, 
  3. den vor allem für Laien gedachten Vierwochenpsalter, der die Lesungen der Psalmen auf vier Wochen verteilt.
  4. das kleine Stundenbuch, das lediglich Laudes, Vesper und Komplet enthält und auf dem Vierwochenpsalter beruht
  5. das große Stundenbuch, das das vollständige Programm, nämlich Laudes, Vesper, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet und Lesehore enthält.
  6. das nunmehr wieder zugelassene Breviarium, mit der bis zum II. Vat. geltenden Leseordnung Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Laudes und Vesper und dem entsprechenden Einwochenpsalter
  7. das Officium parvum Beatae Mariae Virginis.
Denn man tau, würde man in meiner Heimat sagen. Daß es überhaupt so etwas gibt, wie das Stundengebet, habe ich erst bei einem Aufenthalt in einem benediktinischen Kloster erfahren. Inspiriert habe ich nach gangbaren Wegen gesucht, wenigsten ein "kleines" Stundengebet zu finden, und bin zunächst auf das "Kleine Stundenbuch" gestoßen, daß ich bald frustriert zur Seite gelegt habe. Es handelt sich um eine reine Textausgabe, die Suche nach Melodien ist aufwendig und frustrierend, wer sich damit beschäftigt hat, wird wissen, daß der Gebrauch des Kleinen Stundenbuchs mit ständiger Blätterei verbunden ist. Die Kreativität der Liturgiereformer hat sich so richtig ausgetobt und den Ritus etwa dadurch, daß für die Komplet jeden Tag ein anderer Hymnus empfohlen wird, noch einmal verkompliziert.

Dazu kommen Übersetzungen, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. So wird etwa das Responsorium der Komplet "In manus tuas domine, commendo spiritum meum", ein Text, der zu den letzten Worte Jesu am Kreuz gehört, übersetzt mit "Herr auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben."Leben statt Geist, Irgendein Dichter statt Worte des am Kreuz erhöhten Jesus Christus. Paßt so recht zu einer Kirchenkultur, die sich des Bekenntnisses zum Gekreuzigten schämt.

Vor der Reform, die ich nicht für eine solche halte, gab es für Laien Alternativen, die den Kontext des Gebetes der ganzen Kirche wahrten. So gibt es in den Schott-Meßbüchern eine verkürzte Fassung der Sonntagskomplet, die sich als Gebet für jeden Tag anbietet. Davor, und das illustriert das obige Bild, die eine Szene im Haushalt des Lord Chancellor Thomas Morus darstellt (Zeichner: Hans Holbein der Jüngere 1527) war das Officium Parvum Beatae Mariae Virignis das bevorzugte Gebet der Laien. Es fand sich im Stundenbuch, dem bis in die Renaissance meistverbreiteten Laiengebetbuch, von dem viele wunderschön illustrierte Exemplare exisitieren.

Diese kleine Fassung des Stundengebets existierte neben dem "großen" Stundengebet, diesem besonders an die Jungfrau Maria gerichtete Gebet waren in jeder Kathedrale eigene Kapellen und eigene Altäre gewidmet. Meistens im Osten, noch hinter dem Hauptaltar. Näheres auf meinem Zweitblog.

Ich habe mich bemüht, eine Fassung mit Noten ins Netz zu stellen. Komplett ist das nicht, bisher seh ich so recht kein Interesse. Aber vielleicht wächst es ja mit dem Interesse an der Alten Messe, die gewissermaßen umrahmt wird durch das Stundengebet der Kirche und ja, auch durch das Kleine Officium.

Weiteres zum officium parvum auch auf diesem blog unter dem label officium parvum BMV.

Bestimmt guckt wieder kein Schwein.

Literaturempfehlungen: Eine auf Laudes, Prim, Sext, Vesper und Komplet  (Sonntag) oder auf Prim Sext und Komplet verkürzte Fassung des Stundengebets ist bei Angelus-Press bei den böhsen Pius-brüdern zu haben. Ein kleines Büchlein mit dem officium parvum gibt es beim Baronius-Verlag. Und ein gegen Spenden zu bestellende sehr schöne Fassung der Komplet mit deutscher Übersetzung gibt es bei den Petrusbrüdern.

Kommentare:

jolie hat gesagt…

doch.
ein schwein hat schon geguckt :-)
ich denke schon, wenn das gespür für den alten ritus wieder erwacht, dann werden auch die anderen bücher (rituale, brevier, benediktionale etc.) wieder beachtet.
aber bis dahin ist der weg noch weit. mit den derzeitigen bischöfen ist da nichts zu machen

Vacate hat gesagt…

und noch eins hat geschaut. Bin aber leider nicht fündig geworden. Futtertrog leer.
This file is no longer available.
Schade.

Marcus, der mit dem C hat gesagt…

Als ich heute Deinen Zweitblog bei Elsa erwähnt fand, habe ich ihn sofort in meine Readerlist aufgenommen.

Vacate geht's wie mir, MobileMe teilt mir mit:

Diese Datei ist nicht mehr verfügbar.
Die Datei, die Sie suchen, wird nicht mehr unter dieser Adresse freigegeben. Entweder ist der Link abgelaufen oder der Besitzer der Datei hat die Freigabe aufgehoben.
Wenn Sie trotzdem Zugang zu dieser Datei benötigen, setzen Sie sich bitte mit dem Besitzer dieses MobileMe-Accounts in Verbindung.

Johannes hat gesagt…

Okay muß repariert werden. Mach ich sogleich.

Johannes hat gesagt…

Hab den Fehler beseitigt, ist wieder freigegeben.

Laurentius Rhenanius hat gesagt…

Und no a Säule hat g'schaut!
Also mich macht dieses Durcheinander auch etwas verrückt. Ich danke Dir sehr für die gute Übersicht über das vielfältige Angebot. Ich habe ganz ähnliche Erfahrungen gemacht und finde sowohl die Aufteilung, die Übersetzungsqualität und das "Handling" der Bücher wenig ermutigend und noch weniger spirituell erhebend. Es würde mich freuen, wenn es jene Bücher gebe, die u.a. solche Persönlichkeiten wie St. Thomas More geprägt haben. Vielleicht könnten sie meinem, immer wieder ins Trudeln geratende Gebetsleben auf die Sprünge helfen. Unpraktischer und frustrierender als die "Reformbüchlein" können sie ganz bestimmt nicht sein.

Brevierbeter hat gesagt…

Also ich find das jetzt eigentlich gar nicht so wild. Die Auflistung oben ist auch nicht ganz so korrekt, wenn man sich mal an die offiziellen Ausgaben hält.
Da kann man dann z. B. die Punkte 3+4+5 zusammenfassen. Das Stundenbuch (offiziell: "Die Feier des Stundengebetes") ist immerhin die offizielle Übersetzung der Liturgica Horarum (auch wenn's "nur" die Einheitsübersetzung ist, da stimme ich zu, es gibt bessere Psalmübersetzungen). ABER: es ist das offizielle Brevier. Das kleine Stundenbuch basiert auf dem großen Stundenbuch (weil Auszug) und der Vierwochenpsalter ist auch Teil des großen Stundenbuches (und eben nicht speziell für Laien erstellt, entweder das oder über ein eigenes Stundenbuch namens "Vierwochenpsalter" bin ich noch nicht gestolpert.).
Das offizielle Stundengebet ist einfach das offizielle Stundengebet. Ich würde sogar sagen: die Liturgica Horarum ist einfach die Norm.
Zur Handhabung des kleinen Stundenbuches: so schlimm ist es auch wieder nicht. Ich bin immerhin mehr als 10 Jahre damit gut zurecht gekommen (bis ich günstig mir die "große" Stundenbuchbuch Ausgabe zulegen konnte).
Zur Singbarkeit: das "Antiphonale zum Stundengebet" ist zwar sehr teuer aber sehr brauchbar, wenn man die Horen auch singen möchte. Wenn m an einen Einwöchigen Rythmus beten möchte ist von den Übersetzungen und Melodien durchaus das "Benediktinische Antiphonale" bzw. die kleine Auszugsausgabe des "Benediktinischen Breviers" zu empfehlen.
Dann gibt es noch das Brevarium Romanum (alte Form). Mangels Latein Kenntnissen kenne ich mich da nicht aus, habe aber die Übersetzung ("Deutsches Brevier") zu Hause.
Und es gibt noch die verschiedensten Monastischen Ausgaben. Eine habe ich oben ja schon angesprochen.
Alle anderen Ausgaben die benannt wurden kenne ich nicht, scheinen also nicht so weit verbreitet oder auf einen sehr eingeschränkten Personenkereis zugeschnitten zu sein.
Meine Entscheidung zum Stundengebet geht trotz aller Schwächen in der Übersetzung immer wieder zum Stundenbuch zurück. Es ist immerhin die Basis, die die meisten Beter benutzen (man kann z.B. prima das Stundenbuch auf Deutsch bei den Laudes in der Kathedrale von Pamplona mitbeten).

Volmar hat gesagt…

Auch geguckt. Sehr schöne Arbeit.
Eune Frage dazu: Wieso werden zu Magnificat und Nunc dimittis je 2 Antiphonen gesungen, von denen jeweils eine mit T.P. gekennzeichnet ist? Was bedeutet T.P.?

Brevierbeter hat gesagt…

@Volmar:
Ich stelle mal folgende Vermutung auf:
T.P. = Tempore Paschale = Fastenzeit

Brevierbeter hat gesagt…

Korrektur:

Muß natürlich nicht "Fastenzeit heißen, sondern "Osterzeit".

Entschuldigung dafür.

Arminius hat gesagt…

Das hat mir alles sehr gut gefallen. Aus Zeitgründen habe ich erst einmal nur ein Lesezeichen darauf gesetzt und werde in Kürze noch einmal mit mehr Muße vorbeischauen.

Anonym hat gesagt…

Ich stimme Brevierbeter zu. Ich habe die Diskussion bei Elsa und hier mit Interesse und Gewinn verfolgt - zB wusste ich bisher nichts über das Officium parvum. Hab aber gleich in meinem "Dominikaner-Gebetbuch" von 1930 nachgeschaut, und da ist es drin - allerdings: mit einer Vielzahl von dominikanischen Variationen. Ich kann das Beanstanden der Variabilität nicht so recht nachvollziehen. Die Kirche vor dem Konzil hat sich durch eine große Vielfalt ausgezeichnet, und es scheint mir, dass die schleichende Selbst-Uniformierung der Gesellschaft inzwischen stark auf die Kirche übergreift. Eine allzu große Einschränkung der (wohlgemerkt approbierten) Varianten hat aus meiner Sicht (einer Biologin) einen ähnlichen Effekt wie das Artensterben in Ökosystemen. Der Genpool verarmt und die Regenerationskraft geht verloren. Was den täglichen Gebrauch angeht: ich finde das große Stundenbuch ist akzeptabel, auch wenn ich der Kritik an so mancher Übersetzung zustimme (kann man sich ja dann eine bessere reinschreiben). Angeblich ist eins in der Mache, das wie jetzt schon im englischsprachigen Raum immer durchgelesen kann und auch alles enthält, was derzeit getrennt als Lektionar gekauft werden muss, das wäre dann noch mal eine große Verbesserung. Und wie Brevierbeter bin ich der Meinung, dass das eben derzeit das offizielle Brevier ist, das die Kirche betet. Man muss ja nicht unbedingt päpstlicher sein als der Papst. Wie bereits von anderen bei Elsa ausgeführt, gibt es auch Orden, die den Vierwochenpsalter beten, zB viele Dominikanerklöster. Was die genaue Einhaltung der Zeit angeht, wie von Benedikt gefordert (s. Johannes auf Elsas Blog), so mag das Mönchen möglich sein und mag es in früheren Jahrhunderten, als sich die Arbeit nach dem Rhythmus der Natur richtete, auch Laien möglich gewesen sein, aber heute geht das nicht mehr. Ich arbeite zB oft bis 19 oder 20 Uhr. Mich trösten dabei aber zwei Dinge: 1. hat das Christentum sowieso eine eigentümliche Zeitauffassung der Gleichzeitigkeit vergangener Dinge mit der Gegenwart oder Zukunft ("und das ist heute") und 2. läuft das Stundengebet wie eine Welle um den Globus; in einen Teil der betenden Kirche werde ich also immer mit einstimmen können, auch wenn ich die Vesper erst um 20 Uhr oder so bete. Also frischauf: euer Herz beunruhige sich nicht. Wer mit dem derzeit offiziellen Stundenbuch zurechtkommt, bete es und wer nicht, findet aus dem reichhaltigen Angebot was anderes. Der Herr wird das Opfer des Lobes annehmen.
Gabriele Neu-Yilik

Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…

@ Johannes, sorry, mein Geschreibsel wurde mehrfach gespeichert: ich hatte dauernd eine Fehlermeldung und dachte ich müsste kürzen. Bitte die überflüsigen Mehrfacheinträge (und diesen) löschen
danke GNY

Anonym hat gesagt…

guten Start