Freitag, 1. Oktober 2010

Müsli Miersch und Kolle, Tod und Teufel


Kolle ist vor wenigen Tagen gestorben. Es hagelt Nachrufe. Ja, it´s a hard rain agonna fall. Zumeist herrscht eitel Jubel. Selbst vorwiegend kritische Geister, wie Michael Miersch stimmen da ein. Und wenn ein kritischer Geist wie einer der Mitgründer der knorrigen Achse des Guten was Nettes zu schreiben versucht, dann kann es ja eigentlich nur schief gehen.

Dieser Nachruf ist jedenfalls - ich bin regelmäßiger Leser der "Achse" - so ziemlich das dürftigste, was M.M. in den letzten Jahren produziert hat. Aus jeder Zeile springt mich das Vorurteil an und - ja - die Dummheit. Nehmen wir also die Kohlenzange, halten uns die "Welt" vor Augen und lesen.

Kleines Vorwort: Ich gebe zu, daß ich keineswegs vorurteilsfrei bin. Selbst zarte Andeutungen von zeitgeistigem Opportunismus reizen mich zu Widerworten. Die späten Adepten der 68er, die Nachgeborenen, die Fuzzis, die 68 noch nicht mal halbwüchsig waren (M.M. (*1956) war 68 noch nicht mal sweet seventeen) reizen mich mindestens zur Weißglut. Müslis kann ich nicht ab. Alte Feindschaften rosten nicht, auch wenn ich heute kein Autonomer mehr bin. Und M.M. war zu seinen besten Zeiten als "natur"-Redakteur sogar der deutsche Obermüsli.
Oswalt Kolle wollte die Zivilisation der Zärtlichkeit.
Schmarrn. Oswalt Kolle wollte die "freie Liebe", die "offene Ehe", die  Abgabe der Pille ohne Rezept und ärztliche Beratung, die Legalisierung der Abtreibung, schließlich die Legalisierung der Euthanasie, kurz den "New Moral Code". Wieviel Menschenleben fielen dieser "Zvilisation der Zärtlichkeit" seit 1961, dem Zeitpunkt der Zulassung der Pille zum Opfer? Die toten Frauen, die an Nebenwirkungen dieses hochdosierten Hormoncocktails starben, hat keiner gezählt. Die diskreten Abtreibungen durch die Pille, die (auch) darauf angelegt ist, die Einnistung eines befruchteten Embryo zu blockieren, schätzen Experten auf 200.000 pro Jahr. Die Abtreibungsstatistik zählt jedes Jahr mehr als 100.000 Abtreibungen allein in Deutschland. Wenn wir kleinlich rechnen, nämlich nur mit 300.000 abgetriebenen Kinder pro Jahr, so hat diese "Zivilisation der Zärtlichkeit" seit Einführung der Pille 1961 und seit Legalisierung der Abtreibung  1975 mehr als 13.000.000 Menschenleben gekostet. Nur in Deutschland, wohlgemerkt.

Die gesellschaftlichen Verwüstungen, die Kolles New Moral Code angerichtet hat, sind keinesfalls weniger katastrophal. Paul VI düstere Prohezeiungen von dem Zerbrechen der Ehe, dem Ruin der Familie, der Verfügbarmachung der Körper, der sich ausbreitenden Promiskuität sind wahr geworden. Keine "Zivilisation der Zärtlichkeit" ist entstanden, sondern eine Zivilisation des realen und des sozialen Todes.

Haben wir "Studenten", wie Müsli Miersch behauptet, Kolle als "Retter der bürgerlichen Ehe" mißachtet? Nope. Wir haben vor der Verdinglichung der Sexualität gewarnt. Wir haben uns vor der Banalisierung des Sex gefürchtet. Wir haben Pamphlete gegen den bedenkenlosen Konsum der Pille geschrieben, wir dachten an die Pille als Instrument der Verfügbarmachung von Frauen. Wir schrieben Bücher gegen die "repressive Entsublimierung". 1970 herrschte in den linken "Studenten"gruppen nicht das Aufatmen ob der glorreichen Früchte der sexuellen Revolution, sondern die Furcht vor den Folgen der Banaliserung der Sexualität, als ginge es nicht um den Liebesakt zweier Menschen, sondern ums Zähneputzen.

Zeit seines Lebens war Kolle der große und vielleicht erfolgreichste Gegner des "christlichen Adenauerstaates". Muff, katholisch, Adenauer, Die Reizwörter für Grass, Kolle, Miersch.
Weibliche Sexualität ist sündig, Homosexualität eine ekelhafte Perversion, Jungfräulichkeit heilig:
So what. Daß ein kritischer Geist die Ammenmärchen der feministischen Variante des Antikatholizismus widerkäut ist schon deprimierend. Für die Kirche ist weder Sexualität - schon gar nicht ausschließlich die weibliche - sündig, noch ist Jungfräulichkeit als solche heilig.Wenn selbst gebildete Menschen diesen Unsinn verbreiten, kann man wohl nur den Schluß ziehen, daß die Enzyklika "humanae vitae" die sowohl meist kritisierte wie auch am wenigsten gelesene Enzyklika des 20. Jahrhunderts ist. Das Homosexualität eine "ekelhafte Perversion" ist, ist nicht etwa die Wortwahl des Katechismus der Katholischen Kirche (dort ist sehr dezent davon die Rede, daß homosexuelle Handlungen in sich nicht in Ordnung sind") Von Perversion sprachen Freud und auch der von Miersch offenbar bewunderte Wilhelm Reich.

Den Rest dieses dämlichen Artikels mag ich schon gar nicht mehr kommentieren. Daß da jemand über die schwarzen Balken greint, die in den 50er über jedes auch nur angedeutete Geschlechtsteil gedruckte werden mußte, versteh ich schon gar nicht. Ich fand die Balken als pubertierender Jüngling sehr spannend.

Der pornographische Müll, über den man heutigentags an jeder Ecke stolpert, erzeugt bei mir hingegen ausschließlich Brechreiz. Und was die Würdigung der sexuellen Revolution angeht, da halt ichs lieber mit den alten Tanten Bardot und Raquel Welch. Die wissen wenigsten wovon die Rede ist, ganz im Gegensatz zu Müsli Miersch.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Schmarrn. Oswalt Kolle wollte die "freie Liebe"...und Kohle und Aufmerksamkeit. Alles drei über die Maßen erhalten. Ganz ehrlich? Es gilt zu beten, dass ihm jetzt nicht auch noch genommen wird, was er nicht hat.

Alipius hat gesagt…

Satter Kommentar! Das Problem ist in der Tat, daß die meisten Leute, die humanae vitae heftigst kritisieren, selbst wenn ihr Leben davon abhänge nicht einmal drei zusammenhängende Worte aus der Enzyklika zitieren könnten.