Sonntag, 6. Juni 2010

Sonntagstracht


An Frauen in Sonntagstracht und Männer im Sonntagsstaat kann ich mich nur dunkel erinnern. In der Großstadt, in der ich aufgewachsen bin war dergleichen nicht zu sein. Im Heimatdorf meines Vaters, oder genauer gesagt, beim Gottesdienst in der viele Kilometer entfernten uralten Kirche hab ich sowas noch gesehen. Tracht weniger, aber daß die Frauen feierliche Kleidung und die Männer ihren Sonntagsanzug trugen, die jungen Männer ihren gefürchteten Konfirmationsanzug, daß die Frauen links saßen, bedeckten Hauptes und die Männer , barhäuptig, rechts, erinnere ich noch sehr gut. Das Kirchenschiff war voll, die Grundfarbe schwarz. Und durch die Reihen der Männer ging der Küster mit dem Klingelbeutel, und wenn da einer der Buren einschlief und anfing zu schnarchen (ja, die Aufmerksamkeit des männlichen Geh-schlechts für die lichtvollen Ausführungen der Prädikanten war schon immer unterentwickelt) gabs was mit dem Klingelbeutel.

(Wie überhaupt der Klingelbeutel eine in der katholischen Kirche eher unbekannte Variante der Geldeinsammelvorrichtung ist, bedauerlicherweise, denn seine Multifunktionalität ist durch nichts zu übertreffen)

Mühsam setzt sich in den katholischen Gemeinden immerhin die Sitte durch, beim Empfang der Kommunion wieder zu knien. (Bei den in gewissem Sinne konservativeren Lutheraner meiner Heimat war das übrigens nie anders). Ob jemals jemand wieder Sonntagsstaat tragen wird, wage ich kaum zu hoffen. Zu sehr hat sich der androgyne Bekleidungsstil der infantilen 60er durchgesetzt, zu sehr ist der Sonntag zum "casual day" geworden, wo man Bequemes, aber nicht Schönes trägt. Selbst ältere Damen tragen heute Kurzhaarfrisur und Hosenanzug. Frauen, die wenigstens ein Kleid und keine Hose tragen, gehören schon zu den Ausnahmeerscheingungen. (Nagut, auch ich bin heute mit den Jeans in die Kirche gelatscht.) Die Propaganda der 60er wirkt nach.
Da treten sie zum Kirchgang an, Familienleittiere voran,Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,ihre Männer unterfassend,die sie heimlich vorwärts schieben,weil die gern zu Hause blieben.
(Franz Josef Degenhardt, Deutscher Sonntag. Degenhardt wandelte sich vom Protestsänger zum verbissenen Parteigänger der DKP. Ein bißchen klingt da schon 1965 der feministische Mütterhaß durch, Frauen sind hier die Familienleittiere, für einen Westfalen ist klar, was gemeint ist, eine (dumme) Kuh)

Einem Wandel steht da wohl der innerkirchliche Feminismus entgegen, der schon jede Menge Polemik auskübeln wird, sollte sich da eine in ein dermaßen unbeschreiblich weibliches Kleidungsstück zwängen, wie es eine Frauen-Tracht nun einmal ist. Daß schon das Tragen eines Kopftuches eine gesellschaftlich-politisch-juristische Eruption auslöst, war in den letzten Jahren anhand der Aufregung über das angeblich "muslimische Kopftuch" (das in Wahrheit ein jüdisch-christlich-muslimisches Kopftuch ist) zu sehen.

Die Sonntagstracht, ein mühevolles Bekleidungsensemble, daß manchmal Stunden und jedenfalls fremde Hilfe braucht, ist außerhalb von Trachtengruppen fast ausgestorben. Aber nur fast, denn mittlerweile tragen auch zunehmend mehr junge Frauen, in den Gegenden, in denen das üblich war, Tracht. Mancherorts auch als Ausweis kultureller, religiöser und ethnischer Selbständigkeit und traditioneller Verbundenheit mit Volk und Religion.

Der Brustschmuck ist Teil der friesischen Tracht. So wie selbst das friesische Teegeschirr unbedingt aus China stammen muß, zeigt auch der Schmuck den Stolz einer seefahrenden Nation. Er ist natürlich Importware aus Portugal. Kreuz, Herz und Anker symbolieren die christlichen Kardinaltugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung. Zum ersten Mal dürfen die jungen Frauen die Tracht anläßlich ihrer Konfirmation tragen. (Die in lutheranischer Tradition mit 13 oder 14 Jahren stattfindet, also kein Kinderfest ist, sondern eine ernste und würdige Veranstaltung für junge Männer und Frauen an der Schwelle zum Erwachsensein)

Kommentare:

Elsa hat gesagt…

Ich habe sehr schlechte Nachrichten, lieber Johannes. In Italien ist der Jogginganzug wieder Trend. Alles rennt in Jogginganzügen herum, aber nicht in diesen glittrig fallschirmseidenen, so wie bei der ersten Welle damals in den Achtzigern, sondern in solchen rosanen aus Shirtstoff mit Applikation.
Auch in die Kirche.
Bis zum Herbst sollte die Welle Deutschland erreicht haben ...

Gespräche am Jakobsbrunnen hat gesagt…

Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, Elsa?! Stelle mir das mal konkret vor... weg, weg, weg.
Hier am Land ist bei vielen wohl noch Sonntagsgewand angesagt; zu Fronleichnam trugen viele Tracht, ich auch! Außerdem:
ICH TRAGE AN 365 TAGEN IM JAHR EINEN ROCK, AUSSSER ICH BESTEIGE MIT DEM PFARRER MAL WIEDER EINEN 3000er! Aber haste Recht, Johannes, ich bin meistens allein als Rockträgerin unterwegs!

Obermini hat gesagt…

Zum Klingelbeutel: Nicht nur der Kleidungsstil ist freier geworden, auch die Motivation in den Gottesdienst zu gehen, verändert sich. Ob jemand aus dem Klingelbeutel etwa herausnimmt oder hereinlegt, ist nicht immer leicht zu erkennen. (In unserer Gemeinde werden daher Büchsen mit einer kleineren Öffnung verwendet.)

Ulrich hat gesagt…

hmm, es setzt sich wieder durch zu knien? Wo denn?

Johannes hat gesagt…

Muß mir unbedingt wieder einen Anzug kaufen. bin aus meinen alten heraus"gewachsen" (Ahem)